Innensicht

einer Reise nach Nordafghanistan im September 2001

„Wer wartet, verpasst die Chance zum Frieden“

Autor: Christian Gerig, Präsident IMPULS AFGHANISTAN

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Im Gedenken an Kommandant Ahmed Shah Massud


Reisedaten:

 

31. August bis 19. September 2001

 

 

 

Reiseroute:

 

Genf → Frankfurt → Tashkent → Dushanbe → Farchar → Chogha Bahawodin → Panshir → Chogha Bahawodin → Dushanbe → Tashkent → Frankfurt → Zürich   

 

 

Delegationsmitglieder:

 

Cindy Weishaupt, Studentin, 24 Jahre, Schweiz, Appenzell

Manuel Kliese, Selbständigerwerbender, 18 Jahre, Spitzbergen

Christian Gerig, Student, 24 Jahre, Schweiz, Naters

 

 

 

Programm:

 

Humanitäre Hilfe:                   Hilfsgütertransport, Besuch von Spitälern und Schulen

Aria Mailoffice:                        Installation einer Solaranlage, Eröffnung einer

                                                    Schreibstube auf dem Basar in Rocha, Installation und

                                                    Test einer direkten Kommunikation von PC  zu PC über

                                                    Funkwellen, Vorstellung und Diskussion eines

                                                    Konzeptes zur Einrichtung einer Zentralbank in

                                                    Afghanistan

Dokumentation der Reise:   Film, Dias, Fotos, Interviews, Berichte

 

 

 


 


1. Tag: Freitag 31.08.2001

 

Die Reise hat begonnen. Gleich zum Beginn gab es schon ein bisschen Aufregung. Wegen einem entgleisten Zug hatte Cindy eine gute Stunde Verspätung, als sie in Genf ankam. Wir haben unseren Flieger aber doch noch erreicht. In Frankfurt haben wir dann Manuel getroffen. Damit ist unser Team komplett. Eine grosse Freude war für mich auch noch die Begegnung mit Lasagni Franco. Mit ihm zusammen war ich im Vergangenen Dezember in Kandahar und Kabul. Die Welt ist manchmal wirklich unglaublich klein. Im Flug von Frankfurt nach Tashkent sass ich neben  Erich Gysling. Er leitet die Reisegruppe, der auch Franco angehört, durch Usbekistan und Turkmenistan in den Iran.

In Tashkent werden wir von Herrn Marzi, dem Mitarbeiter der afghanischen Botschaft, bereits erwartet. Beim Zoll gibt es keine Probleme. Gegen 0:30 beziehen wir unsere kleine Wohnung im Diphotel. Einen ersten tiefen Atemzug überstehe ich ohne einen Ohnmachtsanfall. Das Zimmer 207 ist am Leben. Bei meinem letzten Besuch im Diphotel war unser damaliges Zimmer stark belastet von einem Verwesungsgeruch.

Wir stehen am Anfang unserer Reise. Das bedeutet auch, dass ein Grossteil der Realität noch aus Träumen und Vorstellungen besteht. Das ist eigentlich ein sehr freier Zustand.

 

2. Tag: Samstag 01.09.2001

 

Ich stelle an diesem Morgen fest, dass es sich in Usbekistan ohne eine Überdosis Mephaquin (Medikament zur Malariaprophylaxe) im Blut noch recht gut schlafen lässt.

Tashkent in dieser Jahreszeit ist wirklich eine Reise wert. Es gibt auf dem Basar frische Himbeeren (1kg=0,5 $), Äpfel, Orangen, Granatäpfel und viele andere Köstlichkeiten.

Usbekistan feiert heute  10 Jahre Unabhängigkeit von der Sowjetunion. Auf den Strassen sieht man fast mehr Polizei als Festbesucher. Wir selber werden zweimal angehalten und kontrolliert. Auf dem Rückweg zum Hotel fahren wir für eine Station mit der U-Bahn. Später hätten wir dann fast noch Manuel verloren. Nur sehr knapp entging er den Tiefen des usbekischen Kanalisationssystems. Man muss halt wissen, dass hier in Tashkent die Schachtdeckel nur sehr provisorisch hingelegt werden.

Am Nachmittag trafen wir noch den afghanischen Botschafter hier in Tashkent, Herr Hascham. Im Detail haben wir das Programm der Reise besprochen und unser Konzept für eine afghanische Zentralbank vorgestellt. Herr Hascham wird unsere Pläne unterstützen.

Ohne Erfolg hat Marzi versucht, für unsere Delegation Flugtickets nach Termez zu besorgen. Mir ist noch nicht ganz klar, wo da das Problem da liegt. Marzi sieht das ganze Locker. Sein Kommentar: „No problem!“.

Im usbekischen Staatsfernsehen läuft gerade eine Übertragung von einem Elvis Presley Konzert. Dem Guten kommen beim Singen sogar die Tränen. Manuel und ich geniessen einen wunderprächtigen Granatapfel. So hat eben jeder seine Art, intensive Momente zu leben.

 

3. Tag: Sonntag 02.09.2001

 

Ein erneuter Versuch auf dem Flughafen Tickets für Termez zu besorgen misslang. Wir haben dann entschieden für 65 $ ein Taxi zu mieten, dass uns bis zur Grenze fahren wird. Damit haben wir uns für eine sichere und preiswerte und anstrengende Variante entschieden. Kurz vor Mitternacht soll es losgehen.

Es ist Sonntag und wir haben das getan, was ein Usbeke mit Geld an einem solchen Tag mit seiner Familie auch tun würde. Wir haben den Vergnügungspark besucht. Natürlich musste ich mich zu einer Fahrt auf der Achterbahn überreden lassen. Was habe ich auf dieser Bahn geschrieen! Trotz eines leicht angeschlagenen Magens ging ich am abend mit Manuel noch einmal auf den Markt. Da hätte ich den Manuel fast wieder verloren. Die Honigverkäuferin wollte ihn gleich mitnehmen. Mit gemeinsamen Kräften konnten wir das dann doch noch verhindern.

 

4. Tag: Montag 03.09.2001

 

Um Mitternacht wurden wir vor dem Hotel von unserem Taxifahrer abgeholt. Wir fuhren zusammen mit dem Botschaftsbus los, der unter anderem unsere Kisten transportierte. Nach diversen Abstechern in die dunklen Seitenstrassen von Tashkent, war der Bus dann wohl endlich vollständig beladen, und die Fahrt nach Termez konnte losgehen. Wir beschlossen, jeweils eine „Wache“ neben dem Fahrer zu postieren, um aufzupassen, dass der Mann nicht plötzlich einschläft. Bei Sonnenaufgang gab es die erste und letzte kurze Pause vor Termez. Auf einer Art Autobahnraststätte gab es ein Frühstück, das aus 10% Wasser und 90% Fett bestand – eben genau das, was man sich um 5:30 so wünscht. Cindy schlief im Wagen und verpasste diese erste echte Delikatesse unserer Reise. Einige Kilometer vor der Grenze wechselten wir vom Taxi in einen zweiten Diplomatenwagen. Da gab es ein Wiedersehen mit dem Fahrer, der uns im Vergangenen Mai über die Grenze gebracht hatte. Der Grenzübertritt verlief erst recht problemlos. Nach dem vierten Checkpoint wurden wir von unserem Fahrer abgesetzt. Wahrscheinlich hatte ich ihm etwas zu wenig bezahlt. Da sassen wir nun zwischen Usbekistan und Tajikistan. Es dauerte nicht lange, bis wir im Mittelpunkt standen. Tschamshit, der zuständige Kommandant für diese paar Meter Grenze, begrüsste uns. Mit seinen schwarzen Adidas-Hosen und einem halbdurchsichtigen Trägershirt hat er uns schon ziemlich beeindruckt. Ausserdem hat sich dieser Kommandant sehr viel bewegt und trug die Hände arg hoch. Man kam schon etwas ins Zweifeln ob der Mann wirklich so ganz normal sei. Auf jeden Fall hat Tschamshit beschlossen, dass die Grenze jetzt für ein paar Stunden geschlossen sei. Mit einem netten Messerchen haute er extra für uns zwei Wassermelonen in praktische Stückchen. Es stellte sich heraus, dass die Grenze wohl erst wieder geöffnet werden würde, sobald wir diese beiden Melonen geschafft hätten. Um der Aufgabe noch etwas Spannung zu verleihen fuchtelte Tschamshit zwischen der Melone und unseren Händen fleissig mit seinem Messer herum. Nachdem wir unseren Flüssigkeitsbedarf für die nächsten 10 Tage gedeckt hatten und dem Kommandanten Tschamshit versprochen hatten, ihn demnächst in seinem Nachtclub in Dushanbe zu besuchen, durften wir die Grenze doch noch passieren. Bevor ich das nächste Mal nach Termez komme, kaufe ich die gesamte Wassermelonenernte in Usbekistan auf. Im Taxi fahren wir dann nach Dushanbe ins Hotel Tajikistan. Dort beziehen wir nur schnell unsere Zimmer, um dann  gleich ins Büro von Wahab zu fahren. Wir erzählen ihm von unserer Anreise. Es tut ihm leid, dass uns niemand an der Grenze abgeholt hat. Später können wir uns noch die Kisten ansehen. Es ist alles da.

Der heutige Tag war die erste Herausforderung an unser Team. Wir haben es grade noch so geschafft. In den nächsten Tagen müssen wir nun versuchen, das Vertrauen der Verantwortlichen der Nordallianz zu gewinnen. Das geht nur, wenn wir uns ganz auf diese Leute einlassen und an ihrem Leben und ihre Kultur teilnehmen.

 

 

5. Tag: Dienstag 04.09.2001

 

Gleich nach dem Frühstück sind wir in unser Büro gefahren. Wir haben unseren Mitarbeitern im Aria Mailoffice Dushanbe unser Programm erklärt und über die Probleme und Möglichkeiten unseres Postbüros diskutiert. Am späteren Vormittag hat uns dann auch noch Herr Wodood Chan, der Militärattache von Massud, in unserem Büro besucht.  Er hat unsere Idee bezüglich der Zentralbank sehr gut aufgenommen und uns gleich ganz konkret die Partnerschaft in dieser Sache angeboten. Ich werte diese Entwicklung als grossen Erfolg. Man anerkennt uns. Das ist vielleicht die wichtigste Voraussetzung, um in Afghanistan konstruktiv etwas aufbauen zu können. Manuel hat auch noch die Zusage erhalten, dass wir bestehende Funkverbindungen der Nordallianz für unser PC-zu-PC-Kommunikation benutzen dürfen. Damit ist ein grosses Problem teilweise gelöst.

Am Nachmittag waren Manuel und ich alleine unterwegs. Wahab hat uns einen Fahrer und einen Reiseführer zur Verfügung gestellt. Wir sind auf einen grossen Basar gefahren und haben uns für 23 $ zwei Paar Hosen gekauft, die mit je 99 DM angeschrieben waren. Wir haben dann den Fehler gemacht, dass wir den Fahrer und den Fremdenführer zu früh nach Hause geschickt haben, das war recht unsensibel.

Am Abend haben wir im Team die Lage besprochen. Wir müssen uns in Afghanistan auf viele schwierige Situationen einstellen, die sich wohl meistens nicht von uns kontrollieren lassen werden. Wir müssen uns auf den Umgang mit  solchen Situationen vorbereiten.

Weil es in diesen Tagen stark bewölkt ist, könnte sich unser Abflug nach Afghanistan noch etwas verzögern. Warten ist eine Kunst – und eine Frage des Inneren Friedens. Ach DuSchand(b)e!

 

6. Tag: Mittwoch 05.09.2001

 

Manuel und ich haben den ganzen Tag in den Büros der Nordallianz verbracht. Eigentlich war es schon fast eine Belagerung. Unsere Strategie war klar, wir wollten Präsenz markieren und sicherstellen, dass man uns nicht vergisst. Daneben nutzen wir die vielen Gespräche und das gemeinsame Teetrinken, um möglichst vielen Leuten von unserem Konzept zu erzählen. Damit haben wir an unserem Profil gearbeitet. Wir lernten aber auch viel von den Afghanen und wurden mit viel Herzlichkeit belohnt. Manuel zeigte fleissig seine Fotos von Spitzbergen. Die Bilder waren für unsere Gastgeber eine schöne Abwechslung und ein konkreter Akt des kulturellen Austausches. Das war für unser Projekt ein ganz wichtiger Tag. Verständnis und Vertrauen ist eben wirklich alles hier.

Nach langer Irrfahrt fanden wir die Deutsche Botschaft. Wir wurden an der Tür aber so unfreundlich und schroff behandelt, dass Manuel sich entschloss, gleich wieder ins Auto einzusteigen und loszufahren. Er hat schon recht gehabt, eine solche Behandlung muss man sich nicht gefallen lassen.

Zum Mittagessen wurden wir in eines der besten Restaurants der Stadt eingeladen.  Unsere Gastgeber sind wirklich groszügig. Wir haben dann noch erfahren, dass unser Fremdenführer von gestern und heute, Herr Naser, 10 Jahre in Sibirien im Gefängnis war. Er hat 15 Menschen die Kehle durchgeschnitten. Die Begegnung mit Nase war  für mich eine ganz beeindruckende Sache. Naser strahlt eine so einfache und überzeugende Zufriedenheit aus, wie ich sie noch nie bei einem Menschen erfahren habe. Naser ist mit sich und seinem Leben im Frieden.

Am späten Nachmittag fuhren wir zusammen mit Cindy noch kurz auf den Basar. Am Abend trafen wir im Hotel Herrn Zyscht. Ich haben den Chef des Swiss Coordination Office Dushanbe zuvor angerufen und um eine Unterhaltung gebeten, weil mir das so vom DEZA angeraten wurde. Es hat sich herausgestellt, dass Herr Zyscht kein einziges Projekt für das DEZA in Afghanistan betreut. Er wurde auch nie über unseren Antrag informiert. Das sind Zustände, die mich schon ziemlich ärgern. Herr Zyscht ist aber ein guter Mann, der sich für seine Arbeit voll einsetzt. Das Problem liegt leider bei den Leuten in Bern.

Ich habe mit Wahab nochmals über unser Zentralbankprojekt gesprochen und dabei vor allem die Symbolkraft einer Zentralbank für die Innen- und Aussenpolitik herausgestrichen. Wir haben heute eine Idee mit grossem Potential und weitreichenden Folgen implementiert. Es soll uns gegönnt sein, an unsere Vision zu glauben, das ist wohl das Recht der jungen Menschen.

Zum Abschluss dieses sehr bewegten Tages wagten sich Manuel und ich um Mitternacht hinaus auf die Strassen von Dushanbe, wo mehrere zehntausend russische Soldaten seit Tagen immer in der Nacht für eine grossen Militärparade anlässlich des tajikischen Unabhängigkeitstages üben. Wir setzen uns direkt zwischen die Soldaten, kamen ins Gespräch mit ihnen und konnten alles filmen. Tajikistan ist schon ein krasses Land. Um ihre Unabhängigkeit von der Sowjetunion zu feiern lassen sie tausende von russischen Soldaten einfliegen und renovieren viele Häuser, allerdings nur die Seiten, die der Strasse zugerichtet sind. Im Fernsehen soll schliesslich alles ganz neu und sauber aussehen. Vor zwei Monaten gab es übrigens genau dort, wo die Parade stattfinden wird, schwere Kämpfe mit Maschinengewehren zwischen der Opposition und den Regierungstruppen.

 

7. Tag: Donnerstag 06.09.2001

 

Um 8:00 nahmen Manuel und ich unsere Plätze in der Eingangshalle des Hotel Tajikistan ein. Eigentlich sollte dann ein Wagen kommen und uns an die Grenze in Farchar fahren. Gegen 10:00 entschlossen wir uns, im Büro von Wahab nachzufragen. Alles kein Problem, hiess es, wir würden gleich abgeholt. Es schien mir sinnvoll, zu glauben und gleichzeitig unsere Leute in der Schweiz um etwas Unterstützung zu bitten. Um 12:00 schlug die Stunde der Wahrheit für unser Team. Wir wurden abgeholt, luden unsere Kisten in einen Kleinbus und fuhren dann die 250 km hinunter nach Farchar. Die Fahrt war ein Erlebnis für Augen und Gaumen. Wir sahen grosse Seen, Steppe, hohe Berge und weite Ebenen. An der speziellsten Autobahnraststätte, die ich je gesehen habe, assen wir auf einem Bett unter einem Baum frischen Fisch. Der Unterbau unseres Wagens wies in den Kurven eine gewisse Trägheit auf. Trotzdem erreichten wir ohne Achsenbruch Farchar. Wir mussten dann lange in einem Raum zusammen mit Fliegen und Mücken warten. Es war eine sehr intensiver Abend. Erst hiess es, es gäbe heute keinen Flug mehr nach Chogha Bahawodin, dann ging es dann plötzlich doch noch. Ich bin dankbar, dass wir in der Hektik des Abfluges unsere Kisten zurückgelassen haben. Die ersten Minuten in Afghanistan auf dieser Reise werde ich nie mehr vergessen. Sie haben ein für alle mal mein Leben verändert. Ich bin trotz allem dankbar für diese Prägung, weil sie mein Bewusstsein enorm erweitert hat. Nur wenige Meter über dem Boden flogen wir viele Kurven. Plötzlich sahen wir links von uns viele Mujaheddin, Panzer, Granatwerfer, Schutzwalle und Lastwagen. Sekunden später landeten wir inmitten der Front. So sieht also ein Schlachtfeld in der Abenddämmerung aus. Kämpfer trugen ihre verletzen Kollegen zum Helikopter. Die Schwerstverletzten wurden eingeladen. Dicht neben, halb aufeinander, lagen die Menschen. Da war ein Mann, dem es beide Beine abgerissen hatte. Ein Junge hatte das halbe Gesicht verloren. Ein anderer hatte schlimmste Verbrennungen am Oberkörper und den rechten Arm verloren. Ich war mittendrin und hielt eine Infusionsflasche. Die Menschen schrieen vor Schmerz und vor Angst. Freunde verabschiedeten sich – manche für immer. Man spürte eine erdrückende Einsamkeit gemischt mit blanker Todesangst. Es war eine brutale Realität, die wir da erlebten. Es gab aber auch Männer, die ganz ruhig waren. Jeder Mensch hat eben seine Art, mit den letzten Momenten seines Lebens umzugehen. Ich war in diesen Augenblicken sicher an der Grenze meiner Aufnahmefähigkeit, blockiert zwischen grenzenloser Traurigkeit und apathischer Ruhe.

Blut, Schmerz, Hoffnungslosigkeit, Sinnlosigkeit - Krieg ist die schlimmste Sache der Welt!

In Chogha Bahawodin verliessen wir den Helikopter, der trotz totaler Dunkelheit weiterflog ins Spital. Wir wurden gleich abgeholt. Beim Gästehaus traf ich meine Freunde. Wir assen zusammen mit Asim und einem Journalisten, der mich sehr an einen Bekannten erinnerte. Wir waren willkommen. Den ganzen Abend bis spät in die Nacht hinein sassen wir mit Asim zusammen, tauschten uns aus und besprachen unser Programm. Dr. Abdullah, der zufällig anrief, wurde von Asim sofort über unser Projekt mit der Zentralbank informiert. Es war ein schönes Wiedersehen mit Asim. Ich spüre, dass sich die Leute hier sehr freuen, dass ich zurückgekommen bin. Von Asim kann ich noch viel lernen. Ich teile die Sehnsucht der Menschen hier, die sich nichts mehr wünschen als Frieden. Asim meinte, dass kein anderes Volk besser weiss, was Frieden heisst, als die Afghanen. Mit dieser Aussage muss er einfach recht haben.

 

8. Tag: Freitag 07.09.2001

 

Die erste Nacht in Chogha Bahawodin war besser als erwartet. Im September sind die Nächte schon recht kühl. Am Vormittag besuchten wir das Spital. Nach einer kurzen Sitzung mit den Ärzten konnten wir einige Patienten besuchen. Die Situation ist grundsätzlich verschieden zu jener im vergangenen Mai. Von 10 Patienten sind heute sicher 9 zivile Kriegsopfer. Kinder, Frauen und alte Männer liegen da mit schwersten Verletzungen an Beinen, Armen und Gesicht. In der letzten Nacht wurde ein Dorf hier ganz in der Nähe von Granaten getroffen. Viele der Opfer dieses Angriffes müssen  in den nächsten Stunden operiert werden. Unter schwierigsten Bedingungen werden hier Amputationen durchgeführt. Die Patienten können nicht betäubt werden, deshalb werden sie für den Eingriff ans Bett festgebunden. Wir haben beschlossen, einen Grossteil unserer Medikamente und das Reflotrongerät hier in diesem Spital zu lassen.

Nach dem Spital besuchen wir noch das nahegelegene Flüchtlingslager. Ich habe den Eindruck, dass es jetzt weniger Zelte hat, als noch vor 4 Monaten. Der Zustand der Flüchtlinge, die geblieben sind, ist jedoch unverändert schlecht. Noch immer hausen die Menschen in sehr einfachen Zelten, die kaum Schutz vor der Kälte des nahenden Winters bieten. Man berichtet uns, dass der Sommer sehr heiss war und die Menschen unter diesem Klima sehr gelitten haben. Ausserdem ist Malaria hier ein ernsthaftes Problem. Cindy hat zwei Frauen interviewt. Sie musste erleben, dass die Frauen kaum alleine sprechen dürfen. Oft gaben die Männer die Antwort auf Ihre Fragen vor.

Den Nachmittag haben wir im Gästehaus verbracht. Zum Mittagessen gab es Reis mit Bohnen. Es kostete uns einige Überwindung, den Reis zu essen. Im besseren Fall liegt es an der Lagerung des Reises, dass dieser exakt gleich schmeckt wie die Trockentoilette. Es wird wohl einige Tage dauern, bis man sich daran gewöhnt hat. Die beiden Marokkaner, die nun schon seit 4 Tagen hier auf ein Interview mit Massud warten, scheinen jedenfalls keine Probleme mit dem Essen zu haben, ohne die geringste Regung schaffen sie einen vollen Teller Reis.

Die freie Zeit über den Tag nutze ich, um praktisch alle Computer hier im Aussenministerium neu zu installieren. Ich habe etwas die Befürchtung, dass wir hier solange bleiben werden, bis ich alle Computerprobleme behoben habe. Auf dem Basar versuche ich Geld zu wechseln. Dostumgeld erhalte ich zum Kurs von 142'000 Afghani je Dollar.  Bei Panshirgeld ist der Kurs nur 70'000 Afghani je Dollar. Die Geldbündel, die wir erhalten sind noch original in Plastikfolie verschweisst.

Nach dem Abendessen (Reis mit Bohnen) erzählt uns Asim von den Massakern der Taliban, Gefängnissen und Exekutionen. Der Hass gegen die Taliban ist hier schon deutlich spürbar. Für Asim ist klar, dass es nur eine Reaktion auf die Gewalt der Taliban gibt, den Kampf an der Front. Was das bedeutet, haben wir gestern und auch heute gesehen.

 

9. Tag: Samstag 08.09.2001

 

Eine Reise nach Afghanistan ist schon eine ziemlich intensive Sache. In Afghanistan handelt und entscheidet man weitaus spontaner als bei uns. Zuweilen braucht diese Spontanität eben ihre Zeit, um eine optimale Lösung herbeizuführen.

Wir haben den Grossteil des Tages mit Warten verbracht. Leider ist es heute deutlich heisser als gestern. Trotzdem trinkt jeder und jede von uns so etwa 30 Tassen heissen Tee über die Stunden verteilt. Mit einem Mann von einem schwedischen Hilfswerk kamen wir ins Gespräch bezüglich unserem Projekt für eine direkte Kommunikation zwischen PC und PC. Wir erfahren, dass eine entsprechende Lösung hier in Afghanistan ein enormes Potential hätte.

Ich war gerade in den letzten Schritten der Installation von Kommander Massuds Laptop, als sich einmal mehr die Ereignisse überschlugen. In aller eile mussten alle Gäste, die nach Panshir fliegen wollten ihre Sachen zusammenpacken und zum Helikopterlandeplatz fahren. Dort in der glühenden Hitze war dann erst einmal Warten angesagt. Dann  kam irgendwann Zubair, die rechte Hand von Asim zu uns und erklärte, dass es leider nur für 3 Personen Platz im Helikopter gäbe (12 Augen starten gespannt auf Zubair. Wie wird er den Satz wohl beenden?) – und zwar für Cindy, Manuel und mich. Die französische Journalistin trug die Meldung vordergründig mit Fassung, stand aber offensichtlich kurz vor einem Nervenzusammenbruch. Aber Afghanistan wäre nicht Afghanistan, wenn das die endgültige Entscheidung gewesen wäre. Schlussendlich durften die 3 Journalisten dann doch noch mitfliegen.  Als der Helikopter kam, wurde er beladen bis unters Dach. Doch alles kämpfen nutzte nichts. Der Pilot verweigerte mir, auch noch die Batterien in den Helikopter zu laden. Da war nichts mehr zu machen. Auf den letzten Drücker entschied ich mich, die Batterien zu opfern und selber noch in den Helikopter zu kommen. Da sass ich nun am Boden zwischen einer Leiche, Kisten, Kommandanten – und Journalisten. Ich muss gestehen, dass ich sehr verärgert war, dass mir der Transport meiner Hilfsgüter verweigert wurde, dafür aber eine Journalistin mit 50 kg Gepäck mitfliegen durfte. Am Ende sollten wir aber wohl alle froh sein, dass wir den Flug unbeschadet überstanden haben. Vom Gewicht her war die Sache am flugtechnisch Möglichen. Der Geruch der Leiche, die zuvor stundenlang bei über 50 Grad in der Sonne gelegen hatte, mischte sich mit Benzingestank. Bei Einbruch der Dunkelheit erreichten wir Panshir. Dort wurden wir von Jabar abgeholt und mit den Journalisten zum Gästehaus gefahren. Die französische Kollegin von der Presse entschied, dass die Kosten für das Taxi das Problem unserer Delegation seien. Aufgrund des enormen Flüssigkeitsverlustes der letzten Stunden war ich nur zu einer sehr milden Reaktion fähig.

Nach dem Abendessen besuchte uns noch Haji Qahar. Wir haben uns über das Wiedersehen sehr gefreut. Im Gegensatz zu unserem letzten Besuch hier in Panshir konnte ich mich jetzt recht gut in Englisch mit Haji Qahar unterhalten. Ich bin vorsichtig optimistisch, was unsere Arbeit in den nächsten Tagen hier betrifft. Die Rahmenbedingungen scheinen für uns aber recht gut zu sein.

 

10. Tag: Sonntag 09.09.2001

 

Es war ein langer aber dafür recht erfolgreicher Tag. Zusammen mit Manuel und Haji Qahar bin ich früh morgens in unser Büro nach Daschtak gefahren. Das Aussenministerium wurde ausgebaut und verfügt nun über einen  sehr schönen Garten. Unser Büro wurde in einen separaten Raum verlegt. Als erste Tagesaufgabe versuchten wir Haji Qahar unser Programm im Detail zu erklären. Es war hilfreich, dass ich in der Vorbereitung zu dieser Reise unser Konzept in vielen Zeichnungen und Schemas verdichtet habe. Haji Qahar hat unsere Ideen mit viel Begeisterung aufgenommen und seine volle Unterstützung zugesagt. Er will versuchen, für uns ein Treffen mit Kommandant Massud und Dr. Abdullah zu arrangieren.

Als wir die Solarpanels auspackten, durften wir uns wirklich freuen, alle 4 Panels haben die lange und komplizierte Reise von Basel nach Dachtak unbeschadet überstanden. Das hätten wir wirklich nicht erwartet. Damit haben wir einen weiteren Teilerfolg zu verbuchen. Zusammen mit unserem Mitarbeiter Herr Aziz haben wir den Rest des Vormittages damit verbracht, den Aufbau der Solaranlage zu planen und die Idee von der Schreibstube auf dem Basar in Rocha zu konkretisieren. Unter anderem haben wir uns eine Lösung für den Unterbau der Solarpanels überlegt. Die zahlreichen hilfsbereiten Mitarbeiter des Aussenministeriums brachten ihre Vorschläge dabei mit ein.

Am Nachmittag haben wir einen ersten Test mit der Funkanlage gewagt. Ein Afghane stand bei vollem Sonnenschein stundenlang mit unserer 4-Meter-Antenne auf dem Dach des Aussenministeriums. Die zweite Antenne haben wir an einem Jeep montiert und sind dann langsam von Daschtak noch Rocha gefahren. Wir haben problemlos eine Verbindung bis nach Rocha aufbauen können. Unserem Büro auf dem Basar steht also zumindest technisch nichts im Wege.

Als wir in Daschtak losfuhren Richtung Gästehaus, war es schon dunkel. Unterwegs  hatte ein Lastwagen vor uns eine Reifenpanne. Wir mussten lange warten und auf der schmalen Strasse einige sehr heikle Manöver wagen.

Der Tag hat mich ermüdet aber war doch sehr befriedigend, weil wir nach einer langen und anstrengenden Vorbereitungsphase endlich mit der Arbeit an unserem Kernprojekt beginnen konnten.

 

11. Tag: Montag 10.09.2001

 

Bereits um 07:00 h besucht uns Haji Qahar im Gästehaus.

Gestern abend hatten die zwei marokkanischen Männer, die sich als Journalisten ausgaben und mit uns in Chogha Bahawodin zusammen lebten, assen und redeten, ein Selbstmordattentat auf Kommandant Massud verübt. Sie zündeten während einem Interviewtermin im Büro von Massud eine kleine Körperbombe. Bei dem Attentat wurde mein Freund Asim sofort getötet und Massud verletzt. Die Nachricht hat mich tief geschockt. Ein Teil meines Weltbildes wurde zerstört. Die Folgen dieser feigen Tat sind im Moment kaum abzusehen. Sicher ist aber, dass für Afghanistan grosse Probleme entstehen werden. Wir können nur hoffen und beten, dass Kommandant Massud überlebt.

Wir haben natürlich den ganzen Tag im Haus verbracht. Die Bevölkerung ist sehr nervös. Es wäre gefährlich, sich jetzt unters Volk zu mischen. Unsere Gastgeber waren mit der Bestattung von Asim beschäftigt, dessen Familie ganz in der Nähe von unserem Haus lebt. Am Nachmittag sassen Manuel und ich zusammen mit vielen Afghanen im Wohnzimmer. Wir haben viel über die Situation gesprochen. Der Vorfall ging den Menschen sehr nahe. Ich glaube, dass ich heute zum ersten Mal wirklich Gefühle mit den Afghanen teile. Ich lebe das gleiche Schicksal wie sie. Das verbindet uns und macht uns zu Freunden.

Farid aus der Schweiz hat uns angerufen. Er wird unsere Angehörigen informieren. Wir sind Teil der Geschichte, die in Afghanistan alles verändert. Das kann man nur ertragen, wenn man sich ganz mit der Situation hier identifiziert. Das fordert Mut und viel Sensibilität. Es ist aber auch eine eindrückliche Erfahrung, persönliche Wünsche und Bedürfnisse abzulegen und Gemeinschaft zu leben.

Für Afghanistan und für mich als Freund Afghanistans ist heute ein schwieriger Tag. Wir müssen vorwärtsschauen und nicht aufgeben. Die Gewalt darf nicht siegen.

 

12. Tag: Dienstag 11.09.2001

 

Cindys Magen ist froh, dass man in Panshir sogar Pepsi bekommt. Sie nahm sich heute eine Auszeit, um wieder zu Kräften zu kommen.

Für Manuel und mich war heute ein wichtiger Arbeitstag. Den ganzen Tag haben wir uns dem Projekt Aria Mailoffice gewidmet. Unser Schlosser hat ganze Arbeit geleistet. So konnten wir bereits heute die Panels verkabeln und auf Blechplatten montieren. Die Anlage steht jetzt auf dem Dach des Aussenministeriums (wo es übrigens angenehm warm ist) und gibt ein gut sichtbares Ziel ab. Zum Schutz vor dem Wind haben wir die Blechplatten mit Sandsäcken beschwert. Es war eine Freude, wie sich alle Mitarbeiter hier voll für unsere Sache engagiert haben. In unglaublich kurzer Zeit konnten wir auf dem Basar in Rocha Schrauben und ein Stahlrohr besorgen. Die Stahlstange zusammen mit einem alten Panzerrad ergab die Installation für die Funkantenne.

Zurück im Gästehaus mussten wir im Team eine lange Diskussion über die Sicherheit in Afghanistan führen. In unserem Team bestehen Zweifel darüber, dass unsere Gastgeber uns rechtzeitig nach Dushanbe fliegen können. Ich habe keinen Gefallen an dieser Diskussion. Meiner Meinung nach engt uns eine solche Einstellung in unserer Arbeit zu sehr ein. Vertrauen ist in Afghanistan alles und mehr als jeder Plan.

Am Abend haben wir in den Nachrichten etwas ganz Schreckliches erfahren. Terroristen haben gleichzeitig mehrere Flugzeuge entführt und auf das World Trade Center und das Pentagon abstürzen lassen. Das WTC stürzte völlig in sich zusammen. Wir können es kaum fassen, bis wir schliesslich die Bilder per Satellit im Fernsehen sehen. Tausende von unschuldigen Menschen sind bei diesem Anschlag gestorben. Das ist eine furchtbare Tragödie. Bei uns im Gästehaus haben die Leute sofort die Verbindung zu Osama bin Laden hergestellt. Er sei für diese wahnsinnige Tat verantwortlich. Entsprechend rechnen hier alle damit, dass die USA sehr schnell Vergeltungsanschläge gegen Afghanistan führen werden. Ich selber halte dies auch für sehr wahrscheinlich. In Panshir halte ich es aber für ausgeschlossen, dass wir direkt bedroht sind. Jedoch ist es ganz klar, dass sich die Situation für Afghanistan, die Zivilbevölkerung und die Nordallianz, auf deren Schutz wir angewiesen sind, dramatisch verändert hat.

Heute ist ein ganz schlimmer Tag für den Weltfrieden. Den 11. September wird die Welt nie vergessen. Es ist kaum absehbar in diesen Stunden, was die Attentate für die Stabilität von ganz Zentralasien für Auswirkungen haben werden.

 

13. Tag: Mittwoch 12.09.2001

 

Der Tag begann für uns nicht gut. Kurz vor 06:00 h hörte ich zwei Jets über unserem Haus durchfliegen. Sekunden später explodierte in der Nähe unseres Hauses dann eine Bombe. Die Augenblicke vor der Explosion waren sehr speziell. Ich wusste, was jetzt passieren würde. Die Nordallianz hat ja keine Jets. Trotzdem blieb ich ruhig im Bett liegen. Es schien mir keinen Sinn zu machen, irgendwie zu reagieren. Für Cindy war das ganze zu viel. Unter dem Eindruck der letzten 24 Stunden wollte sie nur noch abreisen. In solchen Situationen gibt es eigentlich nur eine Möglichkeit zu helfen. Angst lässt sich schwer bekämpfen oder kontrollieren. Und wer so richtig Angst hat, erlebt die Hölle. Wir haben uns zusammengesetzt und die gemeinsame Abreise aus Afghanistan beschlossen. Es war für mich kein leichter Schritt, Haji Qahar unseren Entscheid zu vermitteln. In seinen Augen war unsere Reaktion natürlich nicht nachvollziehbar. Immer wieder hat er mir versichert, dass wir hier sicher seien, und er für uns sorgen würde. Es tat mir weh, nicht auf seine Freundschaft antworten zu können. Mit meiner Strategie habe ich viel von diesem mühsam aufgebauten Vertrauen verspielt. Mein Herz wollte in dieser Situation in Afghanistan bleiben und die Umstände mit den Afghanen erleben. Mein Kopf sagte mir aber, dass ich objektiv entscheiden und entsprechend handeln muss. Ich spüre eine Verantwortung gegenüber Afghanistan aber auch gegenüber Cindy und Manuel. Im Resultat kann ich dennoch zum Entscheid stehen, die Rückreise anzutreten, auch wenn es für mein Weg und meine Vision eine bittere und einschneidende Entscheidung ist.

Um keine Zeit zu verlieren, sind wir gleich nach dem Frühstück nach Rocha gefahren. Dort haben wir die Computer installiert und das neue Budget für Aria Mailoffice erstellt. Für die nächsten 8 Monate werden wir 1440 $ für beide Büros in Panshir ausgeben. Wir haben dann auch noch den Mietvertrag für unser Büro auf dem Basar unterschrieben. Weitere 700 $ übergaben wir einer Schule in Rocha für die Anschaffung von Stühlen und Bänken.

Etwas beschleicht mich heute das Gefühl, dass die Afghanen sich mit unseren überstürzten Abreise abgefunden haben und jetzt einfach noch versuchen, möglichst viel von unseren Investitionen zu sichern. Ich bin heute wirklich enttäuscht, die alte Kraft, die mich nach jedem Rückschlag wieder angetrieben hat, ist weg.

Über den Gesundheitszustand von Massud hört man verschiedene Versionen. Es ist beunruhigend, dass er noch nicht zu den Menschen hier gesprochen hat. Wir müssen in unsere Überlegungen auch den schlimmsten Fall berücksichtigen. Vielleicht ist Massud schon tot.  Da können wir nur hoffen, dass die Taliban durch die Flucht zahlreicher Führer aus Afghanistan geschwächt sind, und die Amerikaner keinen Überstürzten Gegenschlag gegen Osama bin Laden starten. Und es bleibt zu hoffen, dass wir einen direkten Flug von Panshir nach Dushanbe erhalten.

 

14. Tag: Donnerstag 13.09.2001

 

Die Entwicklung von gestern in unserem Projekt nagt auch heute noch an mir. Wir sind praktisch auf der Zielgeraden total eingebrochen. Ich kann nicht die nötigen 200% Motivation aufbringen, um auch in diesem schwierigen Umfeld die Übersicht zu behalten und die notwendigen Arbeiten auszuführen. Unser Team ist seit gestern um eine Person erweitert. Sara Felix aus Bern, die als Kamerafrau mit einem amerikanischen Team nach Afghanistan kam, wird uns auf der Rückreise nach Dushanbe begleiten. Der Rest ihres alten Teams möchte nicht nach Dushanbe fliegen.

Wir sassen den ganzen Tag im Gästehaus und warteten. Unsere Gastgeber fürchten, dass uns vor den Toren des Gästehauses jemand nach dem Leben trachten könnte. Ich habe (zu) viel geschlafen. In den Nachrichten hören wir immer wieder von den furchtbaren Anschlägen in USA. Angesichts so vieler schuldloser Zivilisten überkommt mich eine tiefe Traurigkeit und Hilflosigkeit. Die Reaktion der Amerikaner ist hier das alles dominierende Thema. Es ist uns allen klar, dass durch einen Schlag der Amerikaner gegen die Taliban der Konflikt in Afghanistan eskalieren würde.

Nasrin, eine Afghanin, die schon länger in den Staaten lebt, traf heute hier in Panshir ein. Sie setzt sich mit ihrer Organisation für die Rechte der Frauen in ganz Afghanistan ein. Von ihr Erfahren wir die Details des Anschlages auf Massud. Asim soll durch die Bombe völlig entstellt worden sein. Über den Zustand von Massud kann sie nichts genaues berichten. Sie bestätigt den Hergang des Anschlages bezüglich des zweiten Marokkaners, der die Explosion überlebt hatte. Er wurde später von den Massuds Bodyguards  am Fluss neben dem Gästehaus in Chogha Bahawodin erschossen.

Am Abend beschliessen Haji Qahar und ich in einem Gespräch unter vier Augen den Abflug auf den 15. oder 16. September zu fixieren. Unsere Batterien für die Solaranlage waren heute bereits im Helikopter nach Panshir, als sie erneut im letzten Moment wegen Gewichtsproblemen wieder ausgeladen wurden. Abends habe ich mit Haji Qahar und Aziz Schach gespielt. Manuel und Haji Qahar haben mit Erfolg das Satellitentelefon kaputtrepariert. Damit haben wir die einzige Kommunikation verloren.

Dieser Tag war wichtig um uns neu zu orientieren. Die Welt verändert sich und wir sind mittendrin!

 

15. Tag: Freitag 14.09.2001

 

Obwohl heute Freitag ist, konnten wir die Arbeiten am Projekt fortsetzen. Die Frauen bei uns im Gästehaus wurden von Haji Qahar zu ihm nach Hause zum Frühstück eingeladen. Der stellvertretende Aussenminister gibt sich wirklich alle Mühe, seine Gäste abzulenken und zu unterhalten, so dass sie Afghanistan trotz der vielen Probleme in guter Erinnerung behalten. Die grenzenlose Gastfreundschaft der Afghanen ist wirklich immer wieder eine ganz wunderbare Erfahrung. Manuel, Aziz und ich fuhren schon früh nach Daschtak. Dort luden wir eine Computer und die Antenne ein. In Rocha auf dem Basar bezogen wir mit den Sachen unseren Laden, das erste Postbüro Afghanistans. In relativ kurzer Zeit gelang es uns, Daten über unsere Modems und die Funkanlage zwischen den Computern in Daschtak und Rocha auszutauschen. Damit haben wir ein diese Testserie bezüglich der Kommunikation erfolgreich abgeschlossen.

Anschliessend an die Test fuhren wir zusammen mit Cindy zurück nach Daschtak  ins Aussenministerium. Nach einem guten Essen wollten wir eigentlich noch nach Gulbahar fahren. Wir mussten diesen Ausflug dann aber doch absagen, weil heute in Gulbahar ziemlich schwere Gefächte stattfanden. Einmal mehr führt mir das vor Augen, dass die Situation im Moment ziemlich instabil ist und Panshir wirklich noch der sicherste Ort in Afghanistan ist.

Dr. Abdullah befand sich heute ganz in der Nähe des Aussenministeriums. Aus uns nicht völlig bekannten Gründen konnten wir ihn aber nicht sehen. Wir wissen aber, dass sich heute die Kommandanten der Nordallianz trafen, um bis zu Massuds Genesung einen neuen Führerkommandanten zu wählen. Sie haben sich für General Fahim entschieden.

Auf der Rückfahrt von Rocha zum Gästehaus kamen uns zwei Panzer entgegen, die wohl nach Gulbahar weiterfuhren. Die Afghanen im Gästehaus sind in einer sehr schlechten Verfassung. Sie scheinen Tränen zu verbergen. Gegenüber uns versichern sie aber, dass alles in Ordnung sei. Wir haben gehört, dass zahlreiche hohe Taliban Afghanistan verlassen haben. Ich frage mich, was das für den Frontkrieg wohl bedeutet. Eigentlich wäre das jetzt die Stunde der Nordallianz. Es scheint aber, dass die Ungewissheit über Massuds Gesundheitszustand die gesamte Nordallianz lähmt. So können sie den Vorteil wohl noch nicht militärisch umsetzen. Wir haben in diesen Tagen viel Glück, jeder Tag, an dem die Amerikaner nicht angreifen, ist ein gewonnener Tag für unsere Sicherheit und die Stabilität der Nordallianz und somit vielleicht ganz Afghanistans.

Ich habe heute noch eine weitere wichtige Lektion für mein Wirtschaftsstudium gelernt. Eine geniale Geschäftsidee ist nichts wert, wenn das Timing des Einfalles nicht stimmt.

Die Welt ist niemals normal – und in Afghanistan schon gar nicht.

 

16. Tag: Samstag 15.09.2001

 

Es kam so, wie ich das erwartet hatte. Plötzlich kam die Meldung, dass unser Helikopter jetzt für uns bereitsteht. Innerhalb von einer Minuten mussten wir unsere Sachen zusammenpacken und im Jeep sitzen. Nachdem wir die obligate halbe Stunde gewartet hatten und die sehr genaue Gepäckkontrolle hinter uns gebracht hatten, stiegen wir in den Helikopter ein, der uns direkt nach Dushambe fliegen sollte. Der Boden des Helikopters wurde von den Piloten zuvor noch gründlich gereinigt. Wovon? Ich kann es mir zu gut vorstellen.

Wie gesagt, die Welt verändert sich. Und sie tat es auch auf diesem Flug. Zuerst mussten wir einen schwerstverletzten Jungen an der Front einladen. Ihm wurde bei einem Gefecht der linke Fuss abgerissen. Der junge Mann musste unbeschreibliche Schmerzen aushalten. Wir versuchten den erheblichen Blutverlust durch Hochlagern des Beines etwas zu lindern. Ich fühlte mich so unendlich elend und hilflos. Dann hiess es bei der Zwischenlandung in Chogha Bahawodin plötzlich, dass wir aussteigen müssten. Ich wusste sofort, dass das nun so ziemlich das Schlimmste sein musste, was uns passieren konnte. Es war auch ganz klar, dass unser Aufenthalt hier nur wenige Meter hinter der Front keine Frage von Stunden sondern sicher von Tagen sein würde. Wir konnten nichts gegen unser Schicksal unternehmen. Es war eine extrem frustrierende Situation. Zubair holte uns dann ziemlich schnell am Landeplatz ab. Wir drückten ihm unser Beileid zum Tod von Asim aus. Dann fuhren wir zu jenem Gästehaus, wo wir vor einer Woche die beiden Selbstmordattentäter getroffen hatten, die später nur wenige Meter weiter, unseren Freund Asim in die Luft gesprengt hatten. Es war eine schwierige Rückkehr. Wie soll man sich an einem solchen Ort verhalten? Wie soll man mit den Gefühlen der Angestellten und den eigenen Emotionen umgehen? Ich suchte das Gespräch mit Zubair und schenkte ihm meine Bilder von Massud. Zubair wartet nun auf die Anfrage der Amerikaner. Er und Afghanistan seien bereit, das Problem für Amerika zu lösen, erklärte uns Zubair. Es ist kaum vorstellbar, welche Folgen der Tod von Massud auf die Psyche dieser Menschen haben würde.

Es wurde nicht mehr nötig, mir mögliche Szenarien vorzustellen. Um 17:00 erfahren wir, dass Ahmed Shah Massud gestorben sei. Massud lebt nicht mehr. Afghanistan hat einen Vater verloren, der für viele Menschen die Hoffnung verkörpert hat. Der Schock bei den Afghanen sitzt tief, sehr tief. Es war nicht absehbar, was in den nächsten Stunden passieren würde. Wir sind höchstens 20 Kilometer hinter der wichtigsten Front zwischen den Taliban und der Nordallianz. Werden die Kämpfer der Nordallianz unter der Wirkung dieser schlimmen und folgenschweren Nachricht einbrechen? Müssen wir damit rechnen, dass in den nächsten Stunden plötzlich die Taliban hier hereinfahren? Ja, wir müssen damit rechnen. Aber wir müssen vor allem jetzt den Kopf gebrauchen und nicht emotional handeln. Unser Überleben hängt davon ab, dass wir als Team jetzt nicht unüberlegt reagieren. Es ist unheimlich belastend, in einer so ernsthaften Krise nicht zu handeln. Es ist wahrscheinlich immer einfacher und erlösend, einer dramatischen Veränderung mit einer Aktion zu begegnen. Eine emotionale Reaktion ist aber wohl in den meisten fällen tödlich. Die Schwierigkeit besteht in diesen Stunden darin, die Bedrohung zu ertragen und die ganze Kraft in Aufmerksamkeit zu stecken. Wir entscheiden uns, Abmarschbereit zu sein. So lange wie möglich werden wir aber hier bleiben, unser Umfeld beobachten und vor allem Ruhe zu bewaren.

Osama bin Laden soll gestern von Kabul nach Kundus geflogen sein. Er befindet sich also möglicherweise ganz in unserer Nähe. Man kann nüchtern feststellen, dass wirklich zu viele tragische Vorfälle zusammengefallen sind und uns in eine sehr unberechenbare Lage versetzt haben. An einen Zufall mag ich nicht glauben. Wir erleben die Umsetzung eines grossen Planes, der Zentralasien verändern wird und ganz enorme Auswirkungen auf den Weltfrieden und das Leben der Menschen im Westen haben wird.

Die Lage ist ohne Zweifel ernst. Selbstmitleid bringt uns jetzt aber nicht weiter. Nur mit Geduld, Feinfühligkeit, Konzentration und ein sehr überlegter Umgang mit den Menschen, die uns hier umgeben, können unsere Lage stabilisieren. Das Problem lösen können wir nicht, da sind wir auf unsere afghanischen Freunde angewiesen, die in grosser Sorge und Trauer sind.

 

17. Tag: Sonntag 16.09.2001

 

Der Tag war recht schwierig. Die Lage hier ist sehr angespannt. Wir sind praktisch in einem Gefängnis. Heute fand das Begräbnis von Kommandant Massud in Panshir statt. Sehr viele Leute mussten deshalb nach Panshir fliegen. An der Zeremonie sollen gut 2000-3000 Personen teilgenommen haben. Hier im Gästehaus haben sie überall Bilder von Massud aufgehängt. Ich frage mich, ob die Angestellten hier überhaupt noch handlungsfähig sind. Offensichtlich fällt ihnen jede Aktion sehr schwer. Die Menschen sind äusserlich und innerlich in tiefer Trauer. Roland, ein französischer Journalist, der seit dem Attentat auf Massud hier „festgehalten“ wird und ich haben festgestellt, dass den ganzen Tag kein Anruf über Satellitentelefon hereinkam und auch kein Funkkontakt zu hören war. Während ich aufpasste, kontrollierte Roland das Telefon. Wir stellten so fest, dass es ausgeschaltet war.  Roland und mich beunruhigte diese Tatsache sehr. Welchen Grund kann es in einer solchen Situation geben, die Kommunikation zur Aussenwelt komplett abzubrechen? Haben sich unsere Leute etwa schon aufgegeben? Wir sind uns einig, dass hier etwas nicht optimal läuft. In einer zweiten Aktion schalten Roland und ich das Telefon am Abend dann heimlich ein. Nur Minuten später wurde ich von Zubair ins Büros gerufen – alleine. In diesem Augenblick rechnete ich mit allem. Ich musste davon ausgehen, dass er mich entlarvt hatte. Es passierte dann etwas ganz Merkwürdiges, ich sollte einmal mehr Software installieren, damit sie vom Radio auf den Computer aufnehmen können. Trotz der Tatsache, dass ich vor Anspannung kurz vor dem Zusammenbruch stand, versuchte ich ruhig zu wirken. Das Ganze war wohl so eine Art Test. Ob ich ihn bestanden habe, weiss ich nicht. Zubair versichert uns dann auch noch, dass wir sicher morgen alle nach Dushanbe fliegen werden. Es scheint mir angebracht zu sein, weiterhin sehr aufmerksam zu bleiben.

Chogha Bahawodin ist schon ein extremes Stück Erde.

 

18. Tag: Montag 17.09.2001

 

Wir haben heute gewartet – von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Es kann einen ganz schön mitnehmen, wenn man die Helikopter kommen und gehen hört, ohne selber an Bord zu sein. Es gibt eine logische Erklärung dafür, dass es heute nicht geklappt hat mit dem Flug. Nur leider war der Wunsch bei uns so gross, hier wegzukommen, dass wir eine harte Niederlage einstecken mussten. Die Helikopter waren heute im Einsatz, um die Gäste von der Zeremonie in Panshir zurück nach Dushanbe zu fliegen. Entsprechend war es nicht möglich, hier in Chogha Bahawodin noch vier Leute mitzunehmen.

Meine Leute in der Schweiz, die sich intensiv um eine Lösung bemüht haben, waren heute der wichtige Rückhalt für mich. Ich kann mich darauf verlassen, dass unser Back-Office alles unternimmt, um uns auszufliegen. Nicht alle in unserem Team können diesen Glauben mit mir teilen. So ist das eben, wir warten auf den Helikopter, und die Afghanen warten auf die grosse Entscheidungsschlacht gegen die Taliban. Die Dramatik, die diese Entscheidungsschlacht für Afghanistan beinhaltet, beschäftigt mich sehr. Es wird in dieser Schlacht viele Tote geben. Tausende von Familien werden in die Wüste flüchten. Und wer soll den Krieg gewinnen? Was gibt es denn überhaupt noch zu gewinnen? Ich wünsche den Afghanen Freiheit und Frieden aber nicht Raketen, Hunger, Leid und Misstrauen.

Afghanistan hat mich auch heute etwas gelehrt. Es braucht Mut, in die Tiefe zu gehen. Oberflächlichkeit zerstört Visionen und die Fähigkeit zu vertrauen. Aber Frieden entsteht im Vertrauen und braucht Visionen um zu bestehen.

 

19. Tag: Dienstag 18.09.2001

 

Roland ist in der vergangenen Nacht mit einem Auto losgefahren nach Panshir. Nach 11 Tagen Chogha Bahawodin war er es leid, auf einen Helikopter zu warten. Ich kann Roland verstehen. Er wird versuchen, unsere Batterien nach Daschtak zu bringen. Vielleicht kommt unsere Anlage in Panshir also doch noch zum Laufen.

Gegen 11:00 h kam die Meldung, das wir nun fliegen würden. Ich konnte es kaum glauben, bis wir endlich im Helikopter sassen und abhoben. Das alleine war bei dieser Kiste schon ein riesiges Wunder. Unter anderen Umständen hätte ich mich mit Sicherheit geweigert, in dieses Fluggerät einzusteigen, dem sogar ein Stück eines Rotorblattes fehlte.

Auch typisch für extreme Krisensituationen scheint mir, dass man über einen langen Zeitraum zusätzliche Kräfte mobilisieren kann. Aber irgendwann, wenn die Spannung nachlässt, spürt man dann schlagartig die Müdigkeit. Bei mir trat dieser Zustand in den Minuten des Rückfluges nach Dushanbe ein. Den Rest hat mir wahrscheinlich der Tee von heute morgen gegeben, der schon sehr trüb war.

Nach der Landung in Dushanbe mussten wir in der glühenden Hitze etwa 15 Minuten auf die Zollbeamten warten. Ich dachte mir, entspanne dich, jetzt haben wir es ja geschafft, schlimmer kann es nicht mehr kommen. Das war ein schrecklicher Irrtum. Die Zöllner kamen zurück. Unsere Pässe seien nicht in Ordnung, wir müssten mitkommen. Ein junger Mann von „Acted“ begleitete uns, ansonsten wären wir wohl heute noch in Dushanbe. Angeblich waren unser Visas nicht gültig. Wie auch immer, wir bekamen keine richtige Erklärung, kein Wasser und durften gerade mal einen Anruf innerhalb von Dushanbe tätigen. Unser Gepäck hatten wir selbstverständlich nicht dabei. In meiner Tasche fand ich zum Glück die Karte von Herrn Zyscht, dessen Büro wir dann anrufen konnten. Was in den folgenden drei Stunden passierte, ging Grösstenteils an mir vorbei. Ich fühlte mich wirklich ziemlich schlecht. Wir hatten uns schon praktisch aufgegeben, als doch noch ein Mitarbeiter von Herr Zyscht bei uns auftauchte. Wenig später kamen dann auch unsere Pässe zurück. Alles hatte sich zum Guten gewendet. Die Welt war wunderbar und war heute bei den Tajiken schon für 400 $ zu haben!

Die Nacht konnten wir im Gästehaus verbringen. Es war dort wirklich sehr schön, nur die Toilette war echt weit weg von unserem Zimmer. Dieser Tag soll mir dann wohl sagen, dass man nie die Hoffnung aufgeben darf und auch am Schluss einer Reise noch Bargeld haben sollte.

 

20. Tag: Mittwoch 19.09.2001

 

Morgens um 06:30 h brachen wir zur letzten Etappe dieser Reise auf. Sara wird dann am Freitag von hier über Moskau nach Zürich fliegen. Ein Fahrer von Acted brachte uns bis zur usbekischen Grenze. Ohne wesentliche Schwierigkeiten passierten wir die tajikische Meile zu Fuss mit allem Gepäck in einer Stunde. Auf usbekischem Boden fanden wir dann ein Taxi, dass uns für 50 $ nach Tashkent fahren wollte. Der Fahrer bemühte sich wirklich nett um unser leibliches Wohl. Manuel, der vorne neben dem Fahrer sitzen durfte, fand den Mann etwas gar gesprächig. Aus nicht abschliessend geklärten Gründen mussten wir in Samarkand dann noch einmal das Taxi und den Fahrer wechseln. Nach unzähligen Checkpoints und 13 Stunden Autofahrt (davon 10 in einem Lada Jahrgang 1803) erreichten wir schliesslich doch noch das Diphotel. Für 40 $ gönnten ich mir die teuerste Dusche meines Lebens. Zur Stärkung assen wir im „Golden Wind“ Hühnchen. Kurz vor Mitternacht habe wir die letzten Kontrollen am Zoll des tashkenter Flughafens hinter uns gebracht. Draussen auf dem Rollfeld steht die Lufthansa-Maschine. Wirklich schön, dass ich das noch erleben darf.

 

21. Tag: Montag 20.09.2001

 

Wir landeten sicher in Frankfurt. Hier geht unsere gemeinsame Reise zu ende. Wir verabschieden uns von Manuel. Wir haben es als Team geschafft. Ich bin froh, dass wir alle gesund zurück sind. Das ist das Grösste was wir für uns persönlich erreichen konnten.

Cindy und ich fliegen noch weiter nach Zürich, wo ich von meinem Bruder Michael abgeholt werde. Es ist unbeschreiblich schön, wieder hier zu sein.

Diese Reise hat mich ein ganz grosses Stück weitergebracht auf meinem Lebensweg. Ich hoffe, dass mich die Eindrücke und Bilder in die Zukunft begleiten werden. Es gibt Momente, an die ich mich nicht gerne erinnern werde. Aber die schönen wie die traurigen Erlebnisse haben mich geprägt, haben mich für immer verändert. Das ist das Leben – das Leben das jedem von uns geschenkt wurde. Ich habe das grosse Glück, dass ich es im Frieden begehen kann. Auf der Reise habe ich versucht, mit dem Herzen zu verstehen, mit den Händen zu teilen und dem Kopf zu entscheiden. In diesem sinne hoffe ich, dass die Reise weitergeht und wir zusammen Wege bereiten für mehr Menschlichkeit. Wir alle sind Menschen!