Afghanistan im Umbruch – ein Augenzeugenbericht

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Reisebericht von Christian Gerig  zur 4. Reise nach Afghanistan

vom 17. Dezember 2001 bis 4.Januar 2002

 

 

 

 

 

 

 

 
 

 


Gedanken der Vergangenheit finden sich in Liedern, Geschichten und Gesichtern, Skulpturen, Bildern.

Berge weiss verschneit, die Wüste trocken und weit, Felder sanft grün – Heimat.

 

Die Suche nach Frieden ist eine Suche nach Identität.

Und man begeht dabei den langen Weg der Toleranz zu den Menschen hin.

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Ich wünsche Afghanistan den langen Atem für diesen Weg.

 

 

 

Reiseroute:

 


Zürich ® Dubai ® Karachi ® Peshawar ® Jalalabad ® Kabul ® Taloqan ® Dashte Rubat ® Taloqan ® Kundus ® Salangpass ® Kabul ® Panshir-Tal ® Kabul ® Jalalabad ® Islamabad ® Dubai ® Zürich

Reisedaten:

 

Abreise in Zürich:                 Montag 17. Dezember 2001

Ankunft in Afghanistan:        Donnerstag 20. Dezember 2001

Abreise in Afghanistan:       Mittwoch 2. Januar 2002

Ankunft in Zürich:                  Freitag 4. Januar 2002

Programmpunkte:

 

1.      Hilfsgütertransport

2.      Verteilung von Lebensmitteln

3.      Ausbau von Aria Mailoffice – den ersten Postbüros für Afghanistan

Die Bilder des Tages zur Reise unter:

®   www.afghancash.com/Deutsch/Reise4.asp

 

 

 
 


Kontaktadresse/Autor

 

Christian Gerig

Ilgenstrasse 2

CH-9000 St. Gallen

 

Switzerland

 

 

Tel.:         +41 79 218 84 61

Email:      Christian.Gerig@afghancash.com

Internet:   www.afghancash.com/Deutsch/Deutsch.asp (Reiseberichte und mehr)

 

 

Medienverantwortlicher:  Damian@Kalbermatter.com, 0041 79 290 18 46

 


1. Bericht: Wiedersehen

 

Seit 3 Tagen bin ich nun in Zentralasien unterwegs. Das Ziel dieser Reise ist die Verteilung von Hilfsgütern, die wir aus der Schweiz per Bahn bereits vor 3 Wochen nach Usbekistan vorausgeschickt haben. Usbekistan hat uns leider die Durchreise verweigert, so dass wir jetzt von Pakistan her nach Mazar e Sharif fahren werden. Die erste Etappe der Reise führte mich über Dubai und Karachi nach Peshawar. Dubai ist ein Ort abartigen Reichtums. Der Flughafen in Dubai ist ein einziges grosses Einkaufszentrum. Vom Porsche bis zur Goldkette kann man hier, genuegend Dollar vorausgesetzt, alles zollfrei erwerben.

 

In Peshawar haben die Leute nicht ganz die gleichen Probleme. Hier ist die Armut zu Hause. Die Stadt ist voll von Flüchtlingen aus Afghanistan, die in grosser Zahl vor 20 Jahren vor den Russen geflohen sind. Die jüngste Flüchtlingswelle dürfte sich aus Taibankaempfern zusammensetzen, die sich jetzt wohl um eine neue Arbeit bemühen müssen. Im Bus ist eine Gruppe junger Schwarzfahrer denn auch nicht um eine Ausrede verlegen. Sie geben an, dass ihr Kommandant, der die Fahrkarten bezahlen müsste, leider noch in Tora Bora sitze. Auf dem Basar haben die Geldwechsler Hochkonjunktur. Der Wechselkurs für Afghani hat sich gegenüber dem Dollar seit der Bekanntgabe der neuen Übergangsregierung für Afghanistan glatt vervierfacht. Der Markt hat seine Meinung.

 

Ab und zu fliegt ein Kampfjet über unsere Köpfe. Niemand kümmert sich darum. Gegen 16:00 verdichtet sich der Verkehr. Besonders die Busse, die in die Grenzregion (Torcham) fahren, sind überfüllt. Die "neutrale Zone" zwischen Afghanistan und Pakistan gilt als völlig rechtlos. Die Polizei hat dort keine Autorität. Man könnte gar sagen, dass das offizielle Pakistan Angst hat vor den eigenen Landsleuten, die dort ungestört ihren regen Waffen- und Drogenhandel betreiben wollen. Zusammen mit meinen afghanischen Gefährten werde ich morgen, wie vor einigen Wochen tausende von jungen Kämpfern der Taliban auch, diese Zone passieren, um nach Afghanistan einzureisen. Wir reisen zum Bestimmungsort unseres Hilfsgütertransportes. Viele der Soldaten damals fuhren direkt in den Bombenhagel der USA.

 

Ich hoffe, dass meine vierte Reise nach Afghanistan eine Reise zu den Menschen wird. Mich interessiert die Situation der Vertriebenen mitten im Winter. In welche Richtung geht Afghanistan mit der neuen Regierung? In diesem Sinne ist meine Reise ein Versuch, mehr zu verstehen von dem, was ich in früheren Reisen gesehen und erlebt habe. Gestern durfte ich erleben, wie es zwischen meinem Begleiter Omar, seiner Mutter und seinen 7 Geschwistern nach 5 Jahren zum Wiedersehen kam. Es war das Bild eines berührenden Schicksals. Ich lade sie ein, aus der Ferne mitzureisen.

Peshawar 19. Dezember 2001

 

 

 

Bericht 2: Highway No 1 nach Kabul

 

Früh am Morgen starteten wir unsere Reise nach Kabul. Bevor wir die Fahrt nach Fahrit allerdings antreten konnten, mussten einige kleine Hürden bewältigt werden. Zwischenzeitlich schien es gar als würde die pakistanische Administration unser Unternehmen verhindern. Doch einmal mehr hat sich eine geduldige aber hartnäckige Haltung bei den Beamten ausbezahlt. Von 5 Anwärtern auf eine Bewilligung für die Durchfahrt des Stammesgebietes verliess ich als einziger mit den notwendigen Papieren das Büro des Pakistanischen Innenministeriums.

Wir waren schon eine ganze Weile unterwegs, als unserem Fahrer spontan einfiel, dass neuerdings neben der Bewilligung des Innenministeriums, Visas für Pakistan und Afghanistan es auch noch dringend notwendig ist, dass man sich bei der pakistanischen Armee einen Leibwächter besorgt. Wir kehrten also noch einmal um und fuhren zur nächsten Kaserne. Dort wurden gerade einige Banditen in schweren Ketten vorgeführt. Den bewaffneten Soldaten gab es um sonst, nur für die Verpflegung mussten wir versprechen aufzukommen. So ging es dann endlich in Richtung Jalalabad los. Zehn Meter hinter der „Grenze“ zum Stammesgebiet begannen die Waffenbuden und Opiumküchen. Unser Leibwächter berichtete freizügig, in welchem Haus welcher Drogenbaron hause und wie das Opium hier ja nur verarbeitet werde, um dann wieder über Afghanistan weiter gehandelt zu werden.

 

Die Fahrt über den Khyberpass war ein Erlebnis. An der Grenze zu Afghanistan standen dutzende Journalisten mit Tonnen von Gepäck. Sie warteten wohl schon lange auf einen Passierschein. Omar und ich wurden vorgelassen und konnten die Formalitäten schnell erledigen. Eine Anfrage über 1’000$ Stempelgebühr ignorierten wir diskret. Meine afghanischen Kleider haben wohl etwas geholfen.

 

Gegen Mittag fuhren wir in Jalalabad ein. Es hat sich wenig verändert hier. Die neuen Herrscher sehen aus wie die alten, fahren die selben Pick-ups, tragen alle lange Bärte und sind schwer bewaffnet. Wir mussten mit dem Vize-Kommandanten über einen neuen Leibwächter bis Kabul verhandeln. Ausgehend bei 1’000$ konnten wir uns bei 150$ einigen. Die Fahrt nach Kabul war eine Grenzerfahrung. Mit durchschnittlich 100 km/h brausten wir über die Strasse, die eigentlich mehr eine Ansammlung von Schlaglöchern darstellte. Die Geräusche des Wagens liessen einen baldigen Achsbruch erwarten. Wir waren froh um unseren Leibwächter. Vor einigen Wochen kamen auf dieser Strecke 5 Journalisten bei einem Überfall ums Leben. Eine Gruppe Afghanen wurde an Nasen und Ohren verstümmelt. Vermutlich halten sich in dieser Region auch die letzten Taliban und Truppen von Osama bin Laden auf. Tora Bora liegt ja gleich um die Ecke.

 

Es war bereits dunkel als wir in Kabul einfuhren. Am Stadttor liess uns unser Leibwächter anhalten. Er gab seine Waffe ab. Wir waren am Abend alle erleichtert, dass wir die Etappe gesund überstanden hatten. Morgen wollen wir die Arbeit an unseren Postbüros aufnehmen.

Kabul 20. Dezember 2001

 

 

 

Bericht 3: Freiheit und Neuzeit

 

Vor wenigen Wochen fielen in Kabul die Bomben der USA nieder. Innert Stunden wurde die Stadt damals von den Taliban verlassen und von der Nordallianz übernommen. Kaum ein Stratege hatte damit gerechnet. Der Feind, den die USA in Afghanistan jagen, war plötzlich untergetaucht.

Ich habe Kabul bereits vor einem Jahr einmal besucht. Damals regierten die Taliban und deren Söldnertruppen. Kaum jemand bereiste zu jener Zeit Afghanistan. Der Schleier um dieses Land war praktisch dicht, der Extremismus der Taliban hatte seine Wirkung gegen innen und aussen entfaltet. Heute gibt es in Kabul hunderte Journalistinnen und Journalisten, die laufend über die Lage berichten. Sie leben vorwiegend im Hotel Intercontinental, verfügen über modernste Ausrüstung, eigene Autos und ausreichend Bargeld. Die Informationsbeschaffung scheint gut zu funktionieren, reflektiert aber wohl kaum die Realität auf der Strasse.

 

Nach meinem ersten Tag in Kabul habe ich bereits einige sehr interessante Begegnungen hinter mir. Im Aussenministerium war heute viel Betrieb. Zur Regierungsvereidigung sind unzählige Diplomaten aus allen Ländern eingeflogen worden. Die schwarzen Mercedes, die von den Taliban fliessend übernommen wurden, werden jetzt gerne vorgezeigt, um die VIP’s vom Flughafen abzuholen. Mit dem Sekretär des Aussenministers kam es zu einem eher peinlichen Wiedersehen. Er wurde mir früher bereits einmal als rechte Hand des Taliban Aussenministers vorgestellt.

 

Beim Aufbau der neuen Administration scheint man mit grosszügigen Budgets zu kalkulieren. Ich frage mich bloss, woher das Geld kommen soll. Afghanistan ist völlig zerstört und kann in absehbarer Zeit nicht annähernd genügend eigene Mittel erwirtschaften. Vom Ausland werden grosszügig Gelder versprochen. Diese sollen allerdings vorwiegend für humanitäre Hilfe und den gezielten Wiederaufbau eingesetzt werden und sollen nicht in schöne Häuser und Satellitentelefone investiert werden.

 

Den Nachmittag verbrachte ich mit Kabir. Er weiss viel zu berichten über die Zeit vor dem 11. September. Die Köpfe der neuen Regierung seien ihm kaum oder gar nicht bekannt. Afghanistan hätte sich aber immer an Persönlichkeiten und Gesichtern orientiert. Mullah Omar, der Führer der Taliban habe kein Gesicht gehabt, den habe es wahrscheinlich gar nie gegeben. Im Rückblick glaube ich, dass Osama bin Laden Mullah Omar sein Gesicht gab. Es ist ebenfalls offensichtlich, dass nur ein kleiner Teil der jetzigen Regierungsbeamten wirklich ohne weiteres den Wechsel vom Schlachtfeld ins Büro schaffen wird.

 

Mitten in den enormen Umwälzungen des Landes ist die Zivilbevölkerung bereits wieder zum Alltag übergegangen. Auf dem Basar herrscht reges Treiben. Im Fussballstadion fand ein Match statt. Die Mannschaften sind natürlich die gleichen wie vor einem Jahr, nur die Shorts sind jetzt wieder kürzer.

 

Ein ehemaliger Richter lud mich zum Tee ein. Er beantwortete mir geduldig und mit vielen Beispielen die Fragen zur Sharia, der islamischen Rechtsprechung. Zum Abschluss meinte er, dass wir Europäer es ja nicht gerade einfach hätten, seien wir doch unfrei. Er könne jederzeit seine Verwandten und Freunde besuchen und Zeit mit ihnen verbringen. Darauf tranken wir eine Tasse Tee.

Kabul  21. Dezember 2001

 

 

 

Bericht 4: Aufbruch

 

Es soll heute kein Samstag wie jeder andere sein. Die zukünftige Regierung liess ausnahmsweise den Strom in Kabul auch tagsüber fliessen. Schliesslich sollten alle am Fernsehen verfolgen können, wie die neue Regierung vereidigt wurde. Ich selber blieb der Zeremonie fern. Es schien mir die sicherere Wahl: Die Erlebnisse um das Attentat auf Kommandant Massud durch zwei als Journalisten getarnte Terroristen haben bei mir Spuren hinterlassen. Immerhin habe ich damals mehrere Tage mit den Attentätern zusammengelebt ohne wirklich ernsthaft einen Verdacht geschöpft zu haben. Zum Glück lief die Vereidigung dann doch ohne Zwischenfall ab.

 

Afghanistan geht so seit heute offiziell einen neuen Weg. Dieser Weg ist steil und birgt viele Risiken. Mit allem Geld der Welt lassen sich die Versäumnisse bei der Ausbildung der jungen Menschen nicht rückgängig machen. Der Wiederaufbau Afghanistans muss zum grossen Teil von Analphabeten bewältigt werden.

 

Heute liegt der Fokus der Weltöffentlichkeit auf Kabul: Auch die Friedenstruppe soll vorläufig nur in Kabul eingesetzt werden. Die Menschen auf dem Land und den anderen grösseren Städten sind kaum Teil der afghanischen Umwälzungen.

 

Die Dinge werden sich langsam ändern und vieles, was der Westen für unbedingt notwendig hält, wir sich anders ergeben. In Kabul tragen die Frauen noch lange die Burka und laufen ein paar Schritte hinter den Männern. Der Druck alle Traditionen extrem zu leben, hat aber spürbar abgenommen. Der neuste Trend in Kabul ist das Drachensteigen. Die Preise für Musikkasetten, Videos und Posters hat sich der Zeit der Taliban um ein Mehrfaches verringert und Radio Kabul sendet wieder Musik. Unter den Geschäftsleuten herrscht Goldgräberstimmung – es gibt viele Mienen aber viel mehr wertlosen Sand als Gold.

Kabul, 22. Dezember 2001

 

 

 

Bericht 5: Rückschlag

 

Gleich mehrere Schläge musste ich heute hinnehmen. Der Transport unserer Hilfsgüter nach Termez wird sich verzögern. Unsere Waren wurden mit der Begründung aufgehalten, dass man auch klären müsse, ob wir da nicht etwa Drogen nach Afghanistan einführen wollen. Der Verdacht ist so absurd, dass er mich schon fast schmerzt. Afghanistan ist mit 70% des Weltmarktes der führende Opiumproduzent. Es ist leider auch äusserst unwahrscheinlich, dass unsere Kontakte in Afghanistan weiterhelfen können. Die Afghanen haben bei den Zöllnern Zentralasiens nicht gerade den besten Ruf. Mit grosser Wahrscheinlichkeit könnte nur Geld den Verdacht beseitigen.

 

Weiter musste ich heute einsehen, dass im Moment einfach kein guter Zeitpunkt ist um effektiv zu arbeiten. Die Beamten in den Ministerien sind im Siegesrausch und glauben, dass jetzt alles ganz schnell ganz wunderbar werden wird. Was soll man sich da also mit kleinen Problemen aufhalten. Jetzt ist die Zeit, sich um die ganz grossen Fische zu kümmern. Ich erkenne alte Freunde kaum mehr, mit denen ich noch vor Monaten äusserst einfach lebte und mich austauschte. Sie laufen heute in Anzügen und getönten Sonnenbrillen durch die Gänge ihrer Ministerien und sind wahnsinnig beschäftigt. Um die Flüchtlinge im eigenen Land kümmert man sich auf jeden Fall wenig. Ja, es soll Flüchtlinge geben, wo und wie viele sei aber unklar. Diese Antwort kann ich einem hohen Beamten gerade noch abringen, bevor man weiter über den Kauf von Flugzeugen für Ariana Airlines diskutiert.

 

Vor praktisch jedem schönen Haus in Kabul stehen ein paar Soldaten mit Waffen. Die Häuser sind Teil der Kriegsbeute. Der Krieg gegen die Taliban war sehr blutig am Ende aber unheimlich still. Niemand hier glaubt ernsthaft, dass ein Sieg in irgendeiner Form errungen wurde. Im Aussenministerium nennt man die Lage in Mazar e Sharif, Kundus und Jalalabad unklar. In Herat soll es besser sein, weil weniger Waffen zurückblieben. Der Personenkult um den getöteten Kommandanten Massud erreicht jeden Tag neue Höhen. An jedem Auto und an jedem Haus hängt ein Bild von ihm. Und immer wieder werden mir neue Bücher über sein Leben vorgelegt. Ich lerne von diesem Tag, dass es schwierig werden wird, unseren Transport rechtzeitig zu den Bedürftigen zu bringen und dass es manchmal viel Kraft braucht, das Richtige dem Angenehmen vorzuziehen.

Kabul  23. Dezember 2001

 

 

 

Bericht 6: Langer Atem

 

Für unsere Arbeit in Afghanistan ist ein langer Atem besonders wichtig. Nach mehr als zwanzig Jahren Krieg gibt es in Afghanistan keine Strukturen und keine Sicherheiten mehr. Die einfachsten Dinge erfordern hier viel Geduld und eine klare Vorstellung. Die schönsten Träume brauchen den wachsten Geist, um nicht in Vergessenheit zu geraten. Manchmal gehört Warten deshalb zu den wichtigsten unserer Aufgaben.

 

Am Vormittag kamen wir auf der Fahrt ins Aussenministerium zufällig an einer Schule vorbei. Heute war der erste Schultag. Ich wurde eingeladen, kurz in eine Klasse hineinzusitzen. Es ergab sich die Möglichkeit zu einem Gespräch mit einigen Schülerinnen. Für sie war es ein ganz besonderer Tag. Jahrelang durften sie nicht mehr zur Schule gehen, weil ihnen die Taliban dies verweigerten. Die Frauen freuen sich auf die Schule und ich freue mich mit Ihnen.

 

Aufgrund der Probleme mit unseren Hilfsgütertransport haben wir entschieden den Kauf von Lebensmitteln und deren Verteilung an Flüchtlinge zeitlich vorzuziehen. Es hat sich herausgestellt, dass die Lage der Vertriebenen in Kundus besonders prekär ist. Während Jahren führte durch jenes Gebiet in Nordafghanistan die grösste und wichtigste Frontlinie zwischen der Nordallianz und den Taliban. In der letzten Phase des Krieges verloren nochmals Tausende ihre Existenz. Das Gebiet ist schwer zugänglich und kann von den grossen Hilfswerken noch nicht versorgt werden. Nach langem Warten werden wir am späten Nachmittag von Kommandant Daud Chan empfangen. Ohne Zögern hat er uns seine volle Unterstützung zugesagt. Sofern das Wetter morgen mitspielt, werden wir mit ihm nach Kundus fliegen. Ich werde also voraussichtlich meinen Vorsatz noch einmal brechen müssen und in einen Helikopter der Nordallianz einsteigen.

 

Um unser Postprojekt weiterführen zu können, brauchen wir die Unterstützung der neuen Regierung. Seit unserer Ankunft in Kabul arbeiten wir an den Kontakten. Das heisst, dass wir bis tief in die Nacht mit Botschaftern und Ministern zusammensitzen, teetrinken, reden und manchmal auch gleich noch im gleichen Raum übernachten. Heute spät abends erhielten wir von Dr. Abdulla (Aussenminister) eine erste konkrete Zusage. Man schätzt es, dass wir in einer Zeit den Kontakt suchten, als noch ALLES anders war.

 

Frohe Weihnachten!

Kabul  24. Dezember 2001

 

 

 

Bericht 7: Halbe Lösung

 

Weihnachten war hier gestern kein Thema. In unserem Projekt konnten wir leider auch nur bescheidene Fortschritte verzeichnen. Es ergab sich zwar die Möglichkeit zu einem Gespräch mit Amin Farhang, dem Minister für Wiederaufbau, er verfügt aber bisher weder über ein Büro noch Mitarbeiter. Im Aussenministerium plant man aber bereits die grossen Projekte. Man rechnet hier fest damit, dass es zu einem Wettbewerb zwischen den USA, Russland, Indien, dem Iran und China um Afghanistan kommen wird. Afghanistan soll davon durch gigantische Investitionen im Land profitieren. Ich bleibe skeptisch, dass Afghanistan seine Probleme im Schulwesen, das Gefälle zwischen Stadt und Land und die gegenwärtige schlimme Dürre wird lösen können.

 

Unser Flug nach Kundus musste abgesagt werden, weil zu wenig Motorenöl für den langen Flug über die Berge aufzutreiben war.

 

Heute um sieben Uhr standen wir bereits auf dem Flughafen. Erwartungsgemäss fingen sich die Dinge aber erst Stunden später an zu entwickeln. Irgendwann standen wir dann vor dem Helikopter und wurden plötzlich mit der Forderung konfrontiert, dass ich 800$ zu bezahlen hätte. Dies war für mich schlicht nicht akzeptabel und so flog der Helikopter ohne uns. Zwei Stunden später klappte es dann doch noch und zwar kostenlos. Als ich gesund in Taloqan aus dem Helikopter ausstieg, konnte ich mich darüber sogar freuen. Das Wiedersehen mit den Freunden, die damals im September in Chogha Bahawodin Zeuge wurden, wie ihr Chef Asim und Ahmed Shah Massud getötet wurden, war für mich mit gemischten Gefühlen verbunden. Damals steckte das Land in einem furchtbaren Krieg, indem Tod und Elend die Szene dominierten. Die Bilder schwerstverletzter Soldaten auf dem Schlachtfeld in Taloqan sind bei mir noch sehr präsent. Die Leute hier wissen, was Frieden bedeutet.

 

Den hiesigen Gouverneur trafen wir am Rande eines Fußballspiels. Er scheint ein ziemlich guter Stürmer zu sein. Das Spiel wurde kurz unterbrochen, dass er mit uns den Transport und die Verteilung der Lebensmittel besprechen konnte. Wir werden Morgen voraussichtlich verschiedene Lager besuchen und die Situation mit den örtlichen Kennern analysieren.

Taloqan 26. Dezember 2001

 

 

Bericht 8: Reis, Weizen und Öl

 

Es gefällt mir in Taloqan. Im Vergleich zu Kabul ist es in dieser Region angenehm warm und auch nicht so extrem trocken. Journalisten gibt es keine. Hier leben einfache Menschen. Niemand trägt einen Anzug und die schwarzen Mercedes der Regierung würden im Schlamm der Naturstrassen stecken bleiben. Dank einem Empfehlungsschreiben von Kommandant Saoud in Form eines kleinen Notizzettels sind die Leute hier sehr hilfsbereit. Darauf bin ich auch angewiesen, da Omar in Kabul zurückbleiben musste. Der Tag war ganz ausgefüllt mit der Arbeit für den Nahrungsmitteltransport. Wir verglichen auf dem Basar zuerst die Preise. Die Angaben beziehen sich immer auf 7 Kilo und beinhalten einen Fremdlingszuschlag. Als alle Daten gesammelt waren, musste ich meine Dollars in die örtlichen Afghani wechseln. In Afghanistan gibt es drei Währungen, die alle gleich aussehen und sich nur in der Seriennummer unterscheiden. Innerhalb des Tages verbesserte sich der Kurs zu meinen Gunsten um rund 10%. Manchmal kann man mit Warten Geld verdienen. Um das gewechselte Geld tragen zu können, musste ich die Hilfe zweier Soldaten in Anspruch nehmen, die mir vom Gouverneur für unsere Aktion zur Verfügung gestellt werden. Der Kauf der Nahrungsmittel schliesslich entzog  sich im Detail meinem Auffassungsvermögen. Es wurde offensichtlich kräftig gehandelt. Im Resultat konnten wir mit den 3’000$ rund 10 Tonnen Reis, 3 Tonnen Weizen und 400 l Öl kaufen. Der Transport im Lastwagen inklusive Fahrer und Beifahrer wird dann noch knapp 50$ kosten.

 

Ein alter Mann, der Afghanistan noch kennt, wie es vor der versuchten Invasion durch Russland aussah, verglich sein Land mit einem Kleinkind. Afghanistan steht ganz am Anfang seiner Entwicklung und wird erst einmal lernen müssen, zu laufen und zu sprechen. Und irgendwann geht die Kindheit zu Ende (ob sie glücklich oder tragisch oder beides war) und die Welt der Erwachsenen tut sich auf. Und manche Kinder werden einfach nie erwachsen.

Taloqan 27. Dezember 2001

 

 

Bericht 9: Warten

 

Um das heutige Tagesziel zu erreichen, brauchte es viel Kraft und Geduld. Bei unserer Arbeit zählt das Ziel, das musste ich mir heute öfters vorsagen.

 

Den ganzen Vormittag haben wir auf dem Markt unseren Lastwagen erwartet, der einfach nicht ankommen wollte. In dieser Zeit konnte ich die Leute beobachten, die bezüglich mir das selbe taten. In Taloqan leben besonders viele der Taliban-Kämpfer, die in der Schlussphase des letzten Krieges zur Nordallianz übergelaufen sind. Es wird hier behauptet, dass einige hohe Kommandanten der Nordallianz, ehemalige Kommandanten kräftig unterstützen. Ein jeder hat hier so seine Strategie und es ist schwer zu verstehen, was jeweils bezweckt wird. Sicher ist nur, dass die Grenzen zwischen Freund und Feind noch fliessender wurden seit dem Luftangriff der USA und dass nicht alle Soldaten ihre Ideologie über Nacht verworfen haben.

 

Am Frühnachmittag wurde eine Entscheidung fällig. Ich mietete einen neuen Lastwagen und liess unsere Ware aufladen. Die Fahrt nach Dashte Ruwat, unserem Ziel im abgelegenen Gebiet des Bezirkes Farchar, wurde noch unterbrochen, weil ein Reifen die Strapazen der Strasse nicht überlebte. Schliesslich trafen wir doch noch im Dorf ein. Dashte Ruwat lag über Jahre hinweg genau auf der Frontlinie zwischen der Nordallianz und den Taliban. Viele Dorfbewohner verloren bei Granatangriffen das Leben oder wurden schwer verwundet. Die Häuser sind grösstenteils zerstört. Das Holz der Dächer wurde von Soldaten beider Seiten geraubt und in Lagerfeuern verbrannt. Die Lage der Bevölkerung ist kritisch. Bis heute fand keine Hilfsorganisation den Weg hierher. Entsprechend dankbar hat man unsere Hilfe angenommen. Die Verteilung entwickelte sich zu einem komplizierten Prozess, der von den Dorfältesten bestimmt und genau befolgt werden wollte.

 

Es war ein Tag, der viel zurückgab. Die Mühen der letzten Wochen haben sich gelohnt. Ich hoffe, dass alle die mich begleiten und in meinen Ideen unterstützen, dieses Gefühl der Befriedigung und Freude mit mir teilen können. Auf meinen Reisen folge ich immer auch den Farben. Sie spiegeln für mich die Seele eines Landes. Heute habe ich rostige Rottöne im Sand, den Bäumen und den Häusern und sanfte Grüntöne auf Feldern und am Horizont gesehen.

 

Im Verlauf dieser und früherer Reisen nach Afghanistan musste ich lernen, meine eigene Risikofähigkeit und die meiner Mitreisenden einzuschätzen und nicht leichtsinnig zu handeln. Ich werde für die Rückreise nach Kabul den Landweg wählen. Mein Glück ist oft genug geflogen.

Taloqan 28. Dezember 2001

 

 

 

Bericht 10: 007 & Co.

 

Gegen Mittag fuhr ich von Taloqan nach Kundus. Ich tat dies in einem Sammeltaxi zusammen mit neun weiteren Fahrgästen. Kundus war die letzte Hochburg der Taliban in Nordafghanistan. Die Spuren der Kämpfe sind vor der Stadt deutlich sichtbar. In der Stadt selber ist man als Ausländer gut beraten, wenn man sich unauffällig verhält und keine Kamera auf sich trägt. Die Stadt ist voll von bewaffneten Mudschahedins . Im Taxi verriet mir ein Einheimischer wie sich die Übergabe der Stadt an die Kommandanten der Nordallianz vollzog: “Die Taliban liessen sich den Bart stutzen und tauschten Turban gegen Takol (Die typische Kappe, die Massud immer trug und die das Symbol der Mudschahedin für ihren Freiheitskampf ist).“

 

Als ich am Stützpunkt des örtlichen Befehlshabers eintraf, kreuze ich den Weg von 5 Männern in schwarzen Sonnenbrillen. Vorher hatte mich natürlich niemand aufgeklärt, dass dieses Büro der Hauptsitz des afghanischen Geheimdienstes ist. Man kümmerte sich vorbildlich um mein Wohlbefinden und erkundigte sich diskret aber ausführlich über meine Identität und meine Pläne in Afghanistan. Vor meinem Zimmer wurden inzwischen ein Dutzend halbnackter Männer in Ketten auf den Hof spazieren geführt.

 

Nach dem Abendessen schauten dann noch die netten Herren in Sonnenbrillen vorbei. Sie fanden das ganz toll, dass ich Lebensmittel an Flüchtlinge verteile. Selber würden Sie sich ja auch so viel wie möglich in der humanitären Hilfe engagieren, berichteten sie mir. Wahrscheinlich jagen sie mit ihren Maschinengewehren tagsüber das Wild in den Bergen, um das Fleisch an Bedürftige zu verschenken. In den grossen metallenen Kisten sind dann wohl Röntgenapparate für die hiesigen Spitäler verstaut.

 

Als alleinreisender junger Ausländer mit Bart scheine ich die Aufmerksamkeit und die Phantasie der ebenfalls bärtigen Rambos geweckt zu haben. Der Versuch, meine Kontaktperson mit meinem Telefon in Pakistan anzurufen, scheiterte aus mir unerklärlichen Gründen. Eine halbe Stunde später wurde ich gefragt, ob ich denn wenigstens ein Telefon dabei hätte, wenn ich sonst schon völlig auf mich allein gestellt sei. Die Männer scheinen ihren Job ernst zu nehmen. Ich dachte bisher wirklich, dass es so etwas nur im Film gibt.

Kundus 29. Dezember 2001

 

 

 

Bericht 11: Zerstörung

 

Nach einer schlaflosen Nacht brach ich noch vor Sonnenaufgang in Kundus auf. Die Fahrt führte in einer ersten Etappe auf den Salang - Pass. Ein Junge in unserem Wagen hatte einen etwas nervösen Magen. Leider klemmte im entscheidenden Moment dann auch noch das Fenster. Die Geruchsemissionen führten bei anderen Mitreisenden zu gewissen Nachahmungseffekten. Nichts desto trotz war die Fahrt eine der beeindruckendsten meines noch jungen Lebens. Die Landschaft in dieser Region ist wunderschön und ausgesprochen abwechslungsreich. Vom steppenartigen Tiefland fuhren wir bis hinauf in die imposanten Berge des Hindukusch. In Zeiten des Friedens wird Afghanistan durchaus Touristen anlocken können.

 

Der Salangtunnel wurde im Krieg weitgehend zerstört und kann nur zu Fuss durchquert werden. Diese Wanderung werde ich wohl nie mehr vergessen. Zwischen Steinen und Panzern musste man sich den Weg bahnen. An der Decke hingen Betonelemente und riesige Eiszapfen herunter. Im Tunnel mischten sich Klangwelten sich biegender Stahlträger und singender Afghanen. Nach einer guten Stunde war das staubige Abenteuer überstanden.

 

Wieder in einem Taxi ging es endlich Kabul zu. Bedauerlicherweise gelang es mir nicht von dem Afghanen mit seinem netten Jungen abzusetzen und die Strasse kannte keine Gnade.

 

In den letzten Tagen habe ich einen grossen Teil Nordafghanistans durchquert. Ich habe dabei viele ehemalige Schlachtfelder gesehen. Zerstörung hat viele Gesichter. Die Häuser und Dörfer nahe den Frontlinien sind völlig zerstört. Tausende von Familien leben in Trümmern. Es fehlt am Nötigsten um zu überleben und der Wiederaufbau wird sich hinziehen. Rhythmen und Kulturen wurden durch zwei gescheiterte Invasionen erodiert und verdrängt. Intellektuelle und Künstler hat das Land verlassen, mit ihnen hat Afghanistan Wissen, Chancen und Halt verloren. Grosse Landstriche sind vermint. Viele Afghanen sind durch Minen verstümmelt worden. In Zukunft wird es noch tausende von Opfern geben. Kinder spielen auf Feldern und zwischen den Trümmern und Bauern müssen die Felder wieder bestellen. Helferinnen und Helfer gehen in diesem Land grosse Risiken ein. So reicht die Zerstörung von der Vergangenheit über die Gegenwart in die Zukunft. Dieses Thema verdient mehr Aufmerksamkeit.

Salang / Kabul 30. Dezember 2001

 

 

 

Bericht 12: Crazy Kabul

 

Nachdem die letzten Tage doch etwas anstrengend gewesen waren, gönnte ich mir heute einen Ruhetag. Ich war einer der ersten Gäste im wiedereröffneten Kinopark. Neben mir dürften auch die meisten anderen Kinobesucher Mühe gehabt haben, irgendetwas zu sehen oder zu erkennen. Ansonsten nutzte ich die Gelegenheit in Teehäusern zu sitzen und in der Chicken-Street Teppiche anzuschauen.

 

Der Tag war aber auch eine weitere Gelegenheit die Stadtviertel zu besuchen, die im Krieg zwischen den verschiedenen Mudschahedinparteien von 1992 bis 1994 völlig sinnlos in Schutt und Asche geschossen wurden. „ All die Kriegsherren sind doch nur Geschäftsleute. Die verdienten immer gutes Geld mit dem Schmuggel. Sieh dich doch um, den meisten Afghanen geht es wirklich sehr schlecht. Und was haben die Kommandanten mit ihren Millionen von Dollars für die Leute getan ?“ Asis lebt seit 30 Jahren in Kabul. Er rasiert sich vorerst noch nicht. Erst will er abwarten und klären aus welcher Richtung der Wind in Zukunft wehen wird. So wie er denken hier viele und fast alle wünschen sich, dass die neue Regierung möglichst schnell die Waffen einsammelt.

 

In den kommenden Wochen und Monaten könnte man hier schnelles Geld mit einem Nachtclub verdienen. All die Fremden, Soldaten und Angestellten ausländischer Hilfswerke wären für eine Ablenkung am Abend dankbar. Man sollte sich ernsthaft einen Umzug des Crazy Palace nach Kabul überlegen. Crazy Kabul würde als Namen doch auch ganz gut klingen.

Kabul 31. Dezember 2001

 

 

 

Bericht 13: Heimkehr

 

 

Der Transport unserer Hilfsgüter wird definitiv nicht rechtzeitig in Termez (Usbekistan) eintreffen. Die Zollbehörden in Russland legen uns zu grosse Steine in den Weg. Das ist eine grosse Enttäuschung für alle Beteiligten. Ich habe in Kabul aber einen wirklich guten Vertrauten und Freund gefunden, der die Ware für uns zu gegebener Zeit nach Mazar e Sharif  führen wird.

 

Von  Kabul aus bin ich heute ins Panshirtal gefahren. Unser Postbüro dort lösen wir auf. Dafür eröffnen wir ein neues Büro in Kabul. Wegen der Dürre kann das hiesige Wasserkraftwerk nur während zwei bis vier Stunden täglich Strom produzieren. Wir verfügen dank eines Solarkraftwerkes über unsere eigene Stromversorgung. Das macht unser Büro zu einer kleinen Attraktion.

 

In Panshir durfte ich miterleben wie eine Gruppe von rund 100 Familien ihr Lager verliess und in Bussen zurückkehrte in ihre Dörfer im ehemaligen Kriegsgebiet. Das ist doch ein gelungener neuer Jahresanfang. Ich wünsche denn Heimkehrenden Regen, Toleranz und Schulen.

Panshir 1. Januar 2002

 

 

 

Bericht 14: Stammesgebiet und Tora Bora

 

Von Kabul reiste ich gestern per Auto nach Peshawar. Es war somit mein letzter Tag in Afghanistan. Die Landschaft entlang der Strasse entschädigte für viele Schlaglöcher. Ich teilte mir die Fahrtkosten von 40$ mit vier Afghanen die auch nach Pakistan wollten. Nachdem vorige Woche entlang des Weges nach Jalalabad 60 Banditen festgenommen wurden, konnte ich mir den Soldaten als Leibwächter sparen.

Im Gespräch mit Afghanen, die regelmässig zwischen Kabul und Peshawar pendeln, wurde mir einiges über Sinn und Unsinn der amerikanischen Kriegsführung in Afghanistan klar. „Ich kam zusammen mit 18 Kollegen gestern von Jalalabad nach Pakistan. Die Fahrt mit dem Auto durch Tora Bora dauert etwa einen Tag. Auf diesem Weg wird auch das Opium und die Waffen transportiert“, erzählt mir Komel, der keinen Pass besitzt und seit dem Verlust seines Arbeitsplatzes in einem Spital von Peshawar alle 7 Tage nach Kabul fährt. „An  jedem zweiten Laden im Stammesgebiet hängt ein Bild von Bin Laden. Das Gebiet ist fest in seiner Hand“, berichtet Komel weiter. Das ist erstaunlich, denn gemäss einer weiteren Aussage von Komel sind die Zerstörungen der Dörfer um Tora Bora durch amerikanische Luftangriffe erheblich. Die Zivilbevölkerung zahlt also einen hohen Preis für ihre Gastfreundschaft. Bin Laden und seine Leute scheinen gute Öffentlichkeitsarbeit zu leisten. Das neue Video von Osama Bin Laden hat Komel gesehen und er glaubt: „Bin Laden hat seinen linken Arm verloren und auch sonst sieht er doch recht geschwächt aus. Früher oder später werden die Amerikaner Bin Laden fassen.“ Komel mag Recht haben oder auch nicht, sicher ist aber, dass die Geschäfte in der „neutralen Zone“ zwischen Afghanistan und Pakistan auch ohne Bin Laden weitergehen werden. Es bahnt sich auch schon ein neuer Markt für lukrative Waffengeschäfte ganz in der Nähe an.

 

Heute habe ich Pakistan in Richtung Dubai verlassen. Bei der Umbuchung meines Fluges von Islamabad-Dubai in Peshawar-Dubai wählte ich leider die falsche Strategie. Wegen schlechtem Wetter in Peshawar wurden alle Fluggäste per Bus nach Islamabad gefahren.

 

Es wird Zeit für einen letzten Blick zurück.

Dubai 3. Januar 2002

 

 

 

Schlussbericht: Afghanistan am Wendepunkt

 

SALAM

 

Durch Zufall wurde ich im vergangenen Jahr Zeuge eines fundamentalen Umbruchs in Afghanistan, der beinahe die ganze Welt miteinbezieht. Ich stand öfters direkt im Zentrum des Geschehens und erlebte die Herrschaft der Taliban und die Strategie der oppositionellen Nordallianz praktisch parallel. Mehrmals kehrte ich nach Afghanistan zurück, wodurch das Vertrauen wuchs und meine Abenteuerlust (die gefährlich sein kann) schnell genug durch ein Interesse am Schicksal meiner afghanischen Freunde ersetzt wurde.

 

Vor der letzten Reise bestanden in meinem Umfeld und bei mir selber grosse Zweifel und Unsicherheit. Wir entschieden uns dennoch bereits im Oktober einen begleiteten Hilfsgütertransport nach Afghanistan zu schicken. Obwohl dieses Vorhaben durch die Behörden in der Ukraine enorm behindert wird und bis heute nicht zum Abschluss gebracht werden konnte, halte ich die damalige Entscheidung nach wie vor für richtig. In Afghanistan kann man zur Zeit dringend notwendige konkrete Aktionen nur unter sehr hohen Risiken realisieren. Selbstverständlich wäre aber eine abwartende Haltung sicherer und insbesondere für die Direktbeteiligten angenehmer gewesen.

 

Ich danke Damian Kalbermatter, der meine Berichte aufgezeichnete, meinen Gönnerinnen und Gönnern und insbesondere der Brigensis, die mich mit ihrem diesjährigen Benefizlotto zum richtigen Zeitpunkt unterstützt hat, für den Mut, konkret zu Idealen und mehr Menschlichkeit zu stehen. Es gab immer genügend KritikerInnen, PolitikerInnen und Foren, die uns gefordert, belächelt, benutzt oder begleitet haben, so dass wir uns mit unserer Arbeit entwickeln konnten.

 

Es sollte eine Reise zu den Menschen werden. Ich habe ausschliesslich mit Afghanen gelebt. Auf der einen Seite war ich zusammen mit der neuen Regierung In Kabul, auf der anderen Seite fuhr ich aufs Land hinaus zu den Verlierern der letzten 23 Jahre und den wahrscheinlich Ignorierten der nächsten Jahre. Afghanistan steht vor einer Zeit mehrerer Regierungswechsel. Es wird schwierig werden, komplizierte und aufwendige Projekte umzusetzen und dabei auch noch einen Gesamtplan zu verfolgen.

 

Die Verantwortlichen sollten berücksichtigen, dass Afghanistan vor dem Krieg praktisch ein reines Agrarland war. Heute ist die Landwirtschaft immer noch die einzige Stütze der afghanischen Wirtschaft. Für andere Wirtschaftssektoren fehlen qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie die Infrastruktur (Strom, Strassen, Wasser, Gesetze, Kapitalmärkte ...). Der Wiederaufbau kann also nicht mit dem Masterplan für Deutschland nach dem 2. Weltkrieg verglichen werden. Fundamentale Voraussetzungen sind unbedingt zu beachten. Die Afghanen sollten befragt werden. Wirtschaft sollte in erster Linie die Bedürfnisse möglichst aller Bewohner befriedigen. Hierzulande mehren sich die Anzeichen, dass wir dieses Ziel aus den Augen verloren haben. Die Erarbeitung einer Vision für das Afghanistan der Zukunft ist somit Sache der Afghaninnen und Afghanen, Exilafghaninnen und Exilafghanen sollten zusammen mit Beratern des Westens nur eine begleitende Funktion einnehmen.

 

Eine Unabhängigkeit für Afghanistan wird es nie geben, dafür sind die Träume der Menschen zu phantasievoll und Stabilität zu sehr an Geld gebunden. Vielleicht aber ist eine gewisse Abhängigkeit der Schlüssel zu mehr Transparenz, Annäherung und Friede.

St.Gallen 4. Januar 2002