Bericht und Impressionen einer Reise in den Norden von Afghanistan im Mai 2001

 

 

 

 

 

 

Reiseroute:                Zürich ® Frankfurt ® Tashkent (Usbekistan) ®
                                      Termez (Usbekistan)
® Dushambe (Tajikistan) ®
                                      Chogha Bahawodin (Afghanistan)
® Panjshir (Afghanistan) ®
                                      Chogha Bahawodin 
® Dushambe  ® Termez  ® Tashkent  ®
                                      Frankfurt 
® Zürich

 

 

Teilnehmer:               Dr. Karl Seiler, Wil, Arzt

                                      Farhad Akbarzada, St.Gallen, Orthopädietechniker

                                      Christian Gerig, Naters, Student

                                      Abdul Khalili, Los Angeles, Humanist

 

 

Gesprächspartner:   Kommandant Ahmed Shah Massoud (Führer der Nordallianz)

                                      Dr. Abdullah (Aussenminister Afghanistan)

                                      Chalet (Finanzminister Afghanistan)

                                      Mohammad Asim Suhail (Leiter Aussenministerium Chogha Bahawodin)

                                      Haji Abdul Qahar Abed (Leiter Aussenministerium Panjshir)

                                      Botschafter Hascham, Usbekistan

                                      Militärattache Abdul Woodod, Tajikistan

                                      Abdul Khalili (Leiter AfghanRelief, Los Angeles)           

                                      Dr. Saye Kamel (Gesundheitsminister, Leiter Spital Chogha Bahawodin)

 

 

Programm:                 1)  Transport von 374 kg Hilfsgütern von Arbon (Kanton St.Gallen) nach

                                           Panjshir

                                      2)  Eröffnung von Aria Mailoffice in Dushambe und Daschtak (Panjshir)

                                      3)  Kauf und Verteilung von 18 Tonnen Lebensmittel für Flüchtlinge

                                      4)  Besuch verschiedener Spitäler und Kliniken in Afghanistan

                                      5)  Dokumentation der Situation in Afghanistan

               

 

 

 
 

 


1. Tag (Mittwoch, 2. Mai 2001):  

 

Zusammen mit Dr. Karl Seiler (Arzt) und Farhad Akbarzada (Orthopäde und Übersetzer) trete ich an diesem Mittwoch die Reise nach Afghanistan an.

Mit Lufthansa fliegen wir von Zürich zuerst nach Frankfurt. In Frankfurt haben wir 2 Stunden Aufenthalt, bevor wir dann direkt nach Tashkent (Usbekistan) weiterfliegen.

In Tashkent landen wir kurz vor Mitternacht. Für die Passkontrolle müssen wir sehr lange anstehen. Die Beamte am Schalter überprüft mehrmals ziemlich kritisch meinen Pass und dann mich. Bei meiner äusseren Erscheinung kann ich ihr Misstrauen sogar verstehen. Hinter dem Zoll erwartet uns Herr Marzi von der afghanischen Botschaft. Ohne Probleme passieren wir mit seiner Hilfe die Gepäckskontrolle. Vor dem Flughafen treffen wir Ariane Bauer. Ariane ist meine Pultnachbarin im Orchester der Universität St.Gallen und studiert im gleichen Semester wie ich. Nach ihrem Praktikum in Kasachstan will sie die Zeit noch nutzen und die Städte Buchara und Samarkant an der alten Seidenstrasse besuchen. Es gibt viel zu erzählen. Die Welt ist doch wirklich klein.

 

Impressionen: Wir haben die erste Etappe geschafft. Meine körperliche Verfassung kann sich eigentlich nur noch verbessern. Mein Tipp des Tages: Lest immer ganz genau die Packungsbeilage eines Medikamentes durch. Zwischen einer Malariaprophylaxe und einer Malariabehandlung liegt ein grosser Unterschied. Bei meinem Körpergewicht spüre ich diesen entsprechend noch stärker.

 

2. Tag (Donnerstag, 3. Mai 2001):

 

Nach einer Nacht, die eigentlich gar keine war, erledige ich mit Farhad und einem Angestellten der afghanischen Botschaft einige Zollformalitäten. Anschliessend besuchen wir den Alai-Bazar.

In Usbekistan leben etwa 10'000 Afghanen. Diese relativ geringe Zahl der Flüchtlinge erklärt sich durch die hohen Gebühren für ein usbekisches Visum.

Karl und Ariane besichtigen die Stadt.

 

Impressionen: Wir wohnen hier in Tashkent alle zusammen in einer kleinen Wohnung. Es fehlt uns an nichts. Nur die Fenster sollte man hier nie schliessen. Irgend etwas braucht hier dringend frische Luft (sollte es denn noch leben).

Tashkent ist eine Stadt mit einer gut ausgebauten Infrastruktur. In den Strassen gibt es viele Bäume. Ich bin beeindruckt von den vielen verschiedenen Gesichtszügen dieser Menschen hier. Mein Tipp des Tages ist nochmals der von gestern.

 

3. Tag (Freitag, 4. Mai 2001):    

 

In einem längeren Gespräch mit dem afghanischen Botschafter hier in Usbekistan kann ich die Grundzüge meines Projektes kurz erläutern. Erstmals formuliere ich die Idee, dass ich in Afghanistan ein Büro für Kommunikation und Geldtransaktionen eröffnen möchte.

Unser Visum für Tajikistan ist endlich Realität geworden. Die anfallenden Spesen der Beamten und Gehilfen verbuche ich als Sonderaufwand.

Zusammen mit Karl und Ariane besuche ich am Nachmittag das Museum.

Zum Abendessen begleiten wir unsere Freunde aus der afghanischen Botschaft in ein afghanisches Lokal mit einem sensationellen Rosengarten.

 

Impressionen: Mein Gang ist heute wieder etwas sicherer. Karl schätzt die Halbwertszeit des Malariamedikamentes auf 10 Tage.

Im Moment versuche ich herauszufinden, wie weit ich meine Pläne in Afghanistan realisieren soll und kann.

Auf den Märkten hier in Usbekistan habe ich einige wunderbare neue Farbtöne gefunden. Sie sind ein erster Höhepunkt dieser Reise.

 

4. Tag (Samstag, 5. Mai 2001):   

 

Die Wege von Ariane und uns trennen sich heute.

Für 70 Dollar kann unser afghanischer Freund es einrichten, dass auf der Passagierliste für den Flug von Tashkent nach Termez zwei Namen gestrichen werden. So können wir zusammen mit Abdul Khalili (ein Afghane aus Los Angeles, den wir auf dem Flughafen in Tashkent zufällig getroffen haben) die zweite Etappe unserer Reise antreten. Der Flug dauert etwa eine Stunde.

In Termez werden wir von einem Fahrer der afghanischen Botschaft abgeholt. Bis zur Grenze zwischen Usbekistan und Tajikistan sind es rund 200 Kilometer.

Bei der Passkontrolle fallen wieder etwas Spesen an. Die Grenze selber überqueren wir zu Fuss. Hinter der Grenze warten zwei Autos und einige Afghanen auf uns. In mörderischem Tempo fahren wir nach Dushambe. Dass wir noch leben, verdanken wir wohl zur Hauptsache dem geringen Verkehr auf den Strassen. Auf halber Strecke wechseln wir noch einmal den Wagen.

Im Hotel Tajikistan beziehen wir für 50 Dollar die Nacht ein Zimmer.

Zum Abendessen führt uns ein Freund von Khalili in ein indisches Restaurant mit hauseigenem Polizisten. Wir erfahren viel über die Lage der Flüchtlinge in Jangal, einer Halbinsel am Amu Dari. Die Flüchtlinge (rund 8000) werden praktisch als Pufferzone dieser Kriegsregion missbraucht. Nach dem Essen besuchen wir noch die Räumlichkeiten, in denen die Nordallianz Sendungen für das tajikische Fernsehen produziert.

 

Impressionen: Dushambe macht einen sehr sympathischen Eindruck. Ich bin auch gesundheitlich wieder bereit für Afghanistan. 

 

5. Tag (Sonntag, 6. Mai 2001):   

 

Für den Kauf der Lebensmittel wollen wir uns mit Khalili zusammenschliessen. Dies ist seine sechste Reise, entsprechend gross ist seine Erfahrung mit den Behörden und den wahren Problemen der Bedürftigen.

Der Markt für Getreide und Reis ist heute Sonntag geschlossen. Wir besuchen dafür einen  anderen sehr vielfältigen Markt.

Unser erstes Treffen mit dem Militär-Attache von Kommandant Massoud hat zu keinen konkreten Ergebnissen geführt. Wir haben ganz generell über die politische Lage diskutiert. Unser Flug nach Panjshir soll für den Dienstag organisiert werden.

 

Impressionen: Der Attache, Herr Woodod, hat mich als Person ziemlich beeindruckt. Weshalb dem so ist, kann ich aber nicht erklären. Herr Woodod organisiert für die Nordallianz den Krieg, den ich so sehr verurteile. 

 

 

6. Tag (Montag, 7. Mai 2001):    

 

Die Nordallianz unterhält hier in Dushambe einige Büros und eine Botschaft. Wir haben Herr Wahab vom Aussenministerium und den Chefbuchhalter der Nordallianz kennengelernt. Ich habe die Gelegenheit genutzt, um mir die Buchhaltung der Nordallianz anzuschauen. In einer Excel-Tabelle werden alle Ein- und Ausgaben säuberlich aufgelistet und beschrieben. Monatlich wird eine Zwischenbilanz erstellt.

Zu meiner grossen Freude entdecke ich in einem Raum hier unsere Hilfsgüter. Alle 7 Kisten haben es per Lastwagen, Flugzeug und Pick up von Arbon bis Dushambe geschafft!

Im Büro des Buchhalters habe ich die erste Zentrale von AfghanCash eröffnet. Ich habe einen der Computer zu diesem Zweck ans Internet angeschlossen.

Bei einem Afghanen habe ich für 850 Dollar einen Generator für Panjshir gekauft. Damit können wir die Stromversorgung für rund 5 Computer sicherstellen.

Zum Mittagessen wurden wir von der Botschaft in ein sehr edles Restaurant eingeladen. Als Nachtisch wurden Rafaellos aufgetischt.

Am Nachmittag traf ich den Internet-Experten der Nordallianz. Das Gespräch war anfänglich geprägt von recht viel Aggressivität. Es bestehen von ihrer Seite her sehr ehrgeizige Pläne, das Internet nach Afghanistan zu bringen.

 

Impressionen: Ein erster wichtiger Schritt ist getan, um die Kommunikation zwischen den Afghanen im In- und Ausland herzustellen. Vor wenigen Tagen war ich noch sehr unsicher, was die nächsten Schritte betrifft. Ich habe mich für ein konkretes und gewagtes Vorgehen entschieden. Im Moment habe ich selber viel mehr Fragen als Antworten, was die Umsetzung der Idee betrifft. Ich behalte das für mich und sehe das Projekt als Chance.

 

7. Tag (Dienstag, 8. Mai 2001):   

 

Am Vormittag war ich mit Khalili auf dem Markt. Wir haben die Preise pro Tonne für Mehl, Reis, Zucker und Bohnen verglichen. Erste Kalkulationen haben ergeben, dass wir für 6000 Dollar rund 400 Familien à 5 Personen mit einem Lebensmittelpaket von je 50 kg versorgen könnten. Für den Transport der Ware nach Afghanistan würden wir zwei Trucks zu total 500 Dollar (inkl. Fahrer) mieten.

Den ganzen Nachmittag haben wir im Hotel auf unseren Transfer nach Afghanistan gewartet, der dann schliesslich nicht stattfand.

Wir ziehen es in Erwägung, aus dieser Verzögerung Konsequenzen zu ziehen. Sollte es mit unserem Flug nach Afghanistan morgen nicht klappen, werden wir abreisen.

 

 

Impressionen: „Ihr habt die Uhr, wir haben die Zeit.“

 

8. Tag (Mittwoch, 9. Mai 2001):  

 

Heute um 9:00 beginnt unser Transfer nach Panjshir. Ein Fahrer bringt uns auf den Flughafen, wo auch schon der Helikopter steht. Nachdem der Zoll für seine Dienstleistung bezahlt und unser ganzes Gepäck eingeladen worden ist, kann es mit fast einer Tonne Übergewicht losgehen. Mit uns fliegt ein usbekische Kommandant. In Chogha Bahawodin (Afghanistan) ist diese Etappe geschafft.

Nach dem Mittagessen besuchen wir zuerst das hiesige Spital und dann ein grosses Flüchtlingslager. Die Zustände sind unbeschreiblich. Mit minimalsten Möglichkeiten kämpfen die Menschen hier gegen ihr Überleben. Vor einem Jahr lebten in dieser unwirklichen Gegend kaum Menschen. Heute zählt man an die 150'000 Flüchtlinge. Fliessendes Wasser ist absolute Mangelware. Landwirtschaft ist hier kaum möglich. Bereits jetzt erreicht das Thermometer 45° C im Schatten. Patienten werden in einem Spital behandelt und operiert, in dem es lediglich 25 Betten gibt. Die Grosszahl der Patienten muss unter freiem Himmel gepflegt werden.

Wir geben etwa die Hälfte der chirurgischen Instrumente, Wolldecken und Medikamente an die verantwortlichen Ärzte hier ab. Ich hoffe, dass wir den Grenznutzen dieser Aktion nicht mehr übertreffen können.

Mohammed Asim Salim nimmt mich wegen meines Taliban-Visums ins Kreuzverhör. Es gelingt mir nur teilweise, das Misstrauen meines Gegenüber abzubauen.

Am Abend erhalten wir Besuch von zwei Kommandanten (dem höchsten Offizier des Geheimdienstes und dem Leitenden Kommandanten der Truppen, die wenige Kilometer von hier die Front gegen die Taliban verteidigen).

Alle zusammen schauen wir noch den Film, der an der Pressekonferenz von Kommandant Massoud in Paris aufgenommen wurde. Trotz erheblicher Bildstörungen kann man Farhad und mich in der ersten Reihe mehrmals erkennen.

 

Impressionen: Es war ein sehr ereignisreicher Tag. Ich wünschte, ich hätte einige Dinge nie gesehen; angefangen mit dem Helikopter bis zu den sterbenden Menschen im Flüchtlingslager. Die Wahrheit ist manchmal schmerzhaft und unsere Hilflosigkeit ernüchternd. Ich bedaure, dass wir für diese Menschen nicht mehr tun können. Wenn es auf dieser Welt eine Gerechtigkeit gibt, dann haben sie diese Menschen mehr als ich verdient.

Was ist das für ein Krieg, bei dem die Heeresführer um 17:00 das Schlachtfeld verlassen, um in der guten Stube ihren Tee einzunehmen?

 

9. Tag (Donnerstag, 10. Mai 2001):       

 

Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich behaupten, dass dieser Tag mindestens 48 Stunden hatte. Wir warten voller Sehnsucht auf unseren Weiterflug nach Panjshir. Wegen der enormen Hitze können wir aber erst am späten Nachmittag starten. Die Motoren des Helikopters würden sonst wegen dem vielen Gepäck heisslaufen.

Nach langem Hin und Her erreiche ich, dass wir den „staatlichen Preisüberwacher“ treffen können. Ich will über ihn einige Tonnen Lebensmittel kaufen. Seinen Vorschlag, aus den Beständen der Nordallianz zu kaufen lehne ich ab. Zuerst will ich versuchen, den Kuchen zu vergrössern (d.h. Nahrungsmittel nach Afghanistan zu importieren). Wenn wir selber auf den lokalen Märkten als Käufer auftreten, würden die Preise sofort enorm ansteigen, was dann ein grosses Problem für die Einheimischen wäre. Wir einigen uns darauf, dass wir bis morgen abwarten um zu erfahren, ob die Regierung für uns einen Import bewilligen wird.

Wir treffen am Nachmittag zwei Journalisten aus Deutschland. Die Unterhaltung ist wegen der vielen Zuhörer sehr schwierig und nicht ungefährlich.

Gegen 17:00 verlassen wir Chogha Bahawodin. Alle unsere Kisten sind an Bord. Der Flug ist ein Abenteuer. Unter uns zieht eine wunderschöne und enorm vielfältige Landschaft vorbei. Wir steigen bis zu einer Höhe von 4500 müM. Um uns schliesst sich ein Stück Metall, das man Hubschrauber nennen könnte. Die Piloten dieser Maschinen sind wahre Helden.

Gegen 19:00 landen wir in Panjshir. Wir haben zusammen mit den Hilfsgütern die Enddestination erreicht.

Nach unserer Landung treffen wir Dr. Abdullah. Wir erhalten die Möglichkeit unser Programm zu präzisieren. Dr. Abdullah beauftragt seine Leute, alle nötigen Schritte für uns zu organisieren. Ich erhalte die Zusage, dass man mein Projekt auch von der Regierung aus direkt unterstützen wird. Dr. Abdullah erklärt uns dann noch, dass es aus zolltechnischen Gründen nicht möglich sein wird, aus Tajikistan Lebensmittel nach Afghanistan einzuführen.

Wir werden im Gästehaus von Kommandant Massoud einquartiert.

 

Impressionen: Und über jeden Mückenstich verspüre ich Schadenfreude gegenüber der Mücke (sie hat wohl eher mit Blut als mit einer Überdosis an Malariamedi-kamenten gerechnet).

Den Flug nach Panjshir werde ich nie vergessen. Die Landschaft mit Ihren Formen und Farben hat mich tief beeindruckt. Für diese Bilder alleine hätte sich die Reise gelohnt.

 

10. Tag (Freitag, 11. Mai 2001): 

 

Früh morgens fahren wir los. Unsere erste Station ist ein Spital (40 Betten) in Rocha. Auch dieses Spital verfügt weder über einen Röntgenapparat noch über ein Labor. Wir übergeben dem Spital chirurgische Instrumente und Medikamente.

Die nächste Station war für Farhad und mich das Aussenministerium in Daschtak. Mit den Verantwortlichen diskutiere ich meine Idee von einem Mailoffice. Wir entscheiden, das Büro hier zu eröffnen. Unsere Filiale soll „Aria Mailoffice – International Office of Communication“ heissen. Zusammen mit Haji Abdul Qahar Abed entwickeln wir den Text für die Flugblätter und das Firmenschild.

Am Nachmittag fahren wir auf unwirklichen Strassen das ganze Panjsihr-Tal hinunter bis zum Salangpass.

Am Abend treffe ich Aziz Ahmad Noorzad. Aziz wird die Leitung von Aria Mailoffice in Panjshir übernehmen. Zusammen üben wir an diesem Abend den genauen Ablauf von der Erfassung einer Mail bis zur Übergabe der Daten an unseren Verbindungsmann beim Helikopterlandeplatz.

 

Impressionen: Die Menschen hier leben sehr einfach. Aber im Gegensatz zu Kabul etwa sind hier klare Anzeichen eines Wiederaufbaues sichtbar. Es wird reger Handel betrieben und viele neue Häuser entstehen. Und das obwohl die Frontline nur wenige Kilometer entfernt liegt.

 

11. Tag (Samstag, 12. Mai 2001):

 

Für Aria Mailoffice habe ich ein detailliertes Budget aufgestellt und in eine Excel-Tabelle übertragen. Ich habe den Verantwortlichen den Sinn und die Handhabung eines solchen Planungstool erklärt. Alle 14 Tage sollte ich nun per e-mail einen Zwischenbericht von Aziz erhalten. Für die nächsten 6 Monate übergebe ich das Geld für die zu erwartenden Aufwände an Haji, der als Treuhänder tätig sein wird.

Zum Mittagessen sind wir bei einem Kommandanten zu einem Fisch aus dem Panjshir-Fluss eingeladen – ein einmaliges Erlebnis.

Am Nachmittag treffen wir die offiziellen Händler der Regierung. Wir haben uns damit abgefunden, dass wir über die Kanäle dieser Leute einkaufen müssen. Damit realisieren wir nur die zweitbeste Lösung. Für 6400 Dollar erhalten wir 10 Tonnen Reis, 7 Tonnen Weizen und 1 Tonne Oel. Der Transport ist bei diesem Preis schon inbegriffen. Morgen gegen 10:00 soll die Ware am Bestimmungsort bereitstehen. Wir lassen alles in Säcke zu 50 kg abpacken.  Der Anteil unserer Delegation beträgt 3000 Dollar. Khalili übernimmt den Rest.

Wir unterbrechen die Rückfahrt zum Gästehaus, um den neusten Film über den Widerstand zu sehen. Das „Studio“ befindet sich im ersten Stock und ist nur über eine sehr abenteuerliche Treppe zu erreichen. Aber sowohl den zweistündigen Film als auch diese Treppe überleben wir ohne grösseren Schaden.

 

Impressionen: Den Personenkult um Massoud halte ich für recht problematisch. In praktisch jedem Zimmer hängt hier ein Bild von Massoud. Der Mann ist das Symbol für die Unabhängigkeit von Panjshir. Ob er nicht einsam ist?

 

12. Tag (Sonntag, 13. Mai 2001):

 

Um 9:00 trafen wir einige Beamte der Regierung, die uns bei der Zuteilung unserer Lebensmittel „beraten“ sollen. Die Verhandlungen sind geprägt von gegenseitigem Misstrauen. Dennoch können wir mit dem Resultat zufrieden sein. Wir geben je 9 Tonnen in zwei Flüchtlingslagern an die Familien (zusammen etwa 1500) ab.

Unser Abflug aus Panjshir wird von heute auf morgen verschoben.

Im Namen unserer Delegation schreibe ich einen Brief an Kommandant Massoud, in dem ich ihn über unsere Arbeit informiere. Haji wird den Brief zusammen mit unseren Geschenken (Kugelschreiber und Französischlernbuch) übergeben.

 

Impressionen: Die Anfahrt mit den 3 Trucks und Verteilung an die Flüchtlinge war ein sehr besonderes Erlebnis. Heute konnten wir den Hunger dieser Menschen stillen. Was aber ist, wenn in ein paar Wochen niemand kommt, um unsere Aktion zu wiederholen? Ich habe an die Kinder Farbstifte und Papier verteilt. Als meine Bestände aufgebraucht waren, kam es unter den Kindern zu ernsthaften Kämpfen.

Eine wichtige Erkenntnis des Tages ist auch, dass diese Flüchtlinge besondere Flüchtlinge sind. Sie sind Vertriebene im eigenen Land. Die Solidarität der Einheimischen hat aber ihre Grenzen. Beispielsweise erhalten die Flüchtlinge in den Spitälern im Panjshir keine Behandlung.

 

13. Tag (Montag, 14. Mai 2001): 

 

Zu unserer Überraschung werden wir nach dem Frühstück aufgefordert, unsere Sachen zu packen. Ein paar Minuten später sind wir unterwegs zur Residenz von Kommandant Massoud. In der Nähe des Flusses warten wir im Schatten einiger Bäume darauf, dass wir von Massoud empfangen werden. Nach einer Stunde fahren wir nochmals zu einem anderen Haus. Und plötzlich steht er vor uns. Massoud trägt eine dunkle Sonnenbrille, seinen Hut hat er abgenommen . Beim Gespräch sitzen wir in einer kleinen gemütlichen Runde. Massoud wirkt sehr präsent und interessiert. Ich erzähle ihm, dass ich davon überzeugt bin, dass das grosse verteilte Netzwerk der Exilafghanen eine Stärke der afghanischen Wirtschaft sein kann. Dieses Netzwerk möchte ich aktivieren und persönliche Beziehungen aufbauen, die in einer zweiten Phase für Geldtransaktionen genutzt werden könnten. Massoud beauftragt seine Leute, seinen Helikopter für uns startklar zu machen. Wir sollen sofort nach Chogha Bahawodin geflogen werden, dort soll der Helikopter warten, während ich mich zu einem Gespräch mit dem Finanzminister treffen werde. Zum Abschluss unserer Unterhaltung erzählt Farhad, dass ich heute meinen Geburtstag feiern darf. Massoud gratuliert mir sehr herzlich zu diesem Fest. Er hätte mich zu diesem Anlass gerne eingeladen, weil wir aber abreisen müssen, will er mir dafür einen Teppich schenken. Weil unser Helikopter unbedingt starten musste, habe ich den Teppich nicht mehr erhalten. Jeder von unserer Delegation hat aber einen grossen Lapislazuli überreicht bekommen.

In Chogha Bahawodin treffe ich Herr Chalet (Finanzminister). Er wird das Projekt unterstützen. Wir sind uns einig, dass die Aufgabe aber sehr komplex ist, und wir deshalb schrittweise vorgehen müssen.

Eine Stunde später verlassen wir Afghanistan. Auf dem Rückflug nach Dushambe wechseln wir noch einmal den Helikopter. Ich versuche aktiv den undichten Tank und die vielen Klebstreifen an den Schläuchen und Rohren zu ignorieren.

Wir beziehen in Dushambe wieder ein Zimmer im Hotel Tajikistan. Zum Abendessen erhalten wir Besuch von Herrn Woodod. Er wird unsere Rückreise organisieren.

 

Impressionen: Es ist interessant, was die richtigen Kontakte so alles bewegen können. Wir brauchten für die Rückreise nach Dushambe gerade mal 5 Stunden. Ich habe Ausländer getroffen, die bis zu 7 Tagen auf einen Helikopter warten mussten.

Das Treffen mit Ahmed Shah Massoud war für mich ein weiterer Höhepunkt dieser Reise. Ich konnte mich persönlich vom Charisma dieses Mannes überzeugen. Es scheint, als hätte auch Massoud sich über das Treffen gefreut.

 

14. Tag (Dienstag, 15. Mai 2001):

 

Ich nutze unseren letzte Tag  in Tajikistan, um die Arbeiten in unserem Office in Dushambe zu beenden. Auch für diese Filiale erstelle ich den Mitarbeitern ein detailliertes Budget. Dem Buchhalter übergebe ich das Geld für die Kosten der nächsten 6 Monate und erkläre nochmals den genauen Ablauf einer Versendung. Die Installation des e-mail-Accounts erweist sich als letzte grössere technische Herausforderung. Nach meiner Rückkehr in die Schweiz werde ich diese Lösung noch optimieren müssen.

Wir sind glücklich, dass wir bis 12:00 alle Aufgaben erledigen konnten. Den Nachmittag verbringen wir auf dem Markt.

Im Hotel treffen wir dann noch einen Deutschen aus Konstanz, der für die Asiatische Entwicklungsbank hier in Tajikistan ein Kraftwerkprojekt begleitet.

Am Abend besucht uns noch Herr Woodod. Unsere Rückreise ist organisiert

 

Impressionen: Wir haben in relativ kurzer Zeit die Ziele erreicht, die wir uns für diese Reise vorgenommen hatten. Es gab viele mühsame Momente und sicher auch viele Missverständnisse. Die Reise als Ganzes war aber ein enorm befriedigendes Erlebnis. 

 

 

15. Tag (Mittwoch, 16. Mai 2001):       

 

Um 7:30 werden wir von einem Angestellten des Ausseninisteriums im Diplomatenwagen beim Hotel abgeholt. Die erste Etappe unserer Rückreise endet an der Grenze. Der Fahrer, der uns auf der usbekischen Seite übernehmen sollte, taucht nicht auf. Zu Fuss überqueren wir die Grenze. Wir müssen sicher 10 Schalter passieren und ebenso viele Formulare ausfüllen. Es scheint entscheidend zu sein, dass man seinen Witz dabei nicht verliert. Khalili verkauft uns bei den Zöllnern als eine Gruppe von Ärzten. In Usbekistan nehmen wir uns ein Taxi bis nach Termez. In Termez treffen wir dann den Fahrer, der uns eigentlich an der Grenze hätte abholen sollen. Für den Flug nach Tashkent wiederholt sich die Geschichte. Das Streichen anderer Passagiere ist heute aber deutlich billiger.

Das Warten auf den Abflug verlangt uns einiges ab. Es ist hier extrem heiss!

Der Flug von Termez nach Tashkent dauert gerade mal 50  Minuten. In Tashkent erwartet uns Herr Marzi. Für die paar Stunden bis zu unserem Abflug nach Frankfurt mieten wir ein Zimmer im Hotel. Kurz nach Mitternacht kommt die Stunde des Abschieds von Khalili.

Wegen des angekündigten Streiks der Laufthansa-Piloten haben wir bis zuletzt um unseren Flug gebangt. Um 2:20 war die Unsicherheit vorbei und wir in der Luft.

 

Impressionen: Was ist wohl der Rekord im Schwitzen pro Sekunde?

Khalili wird in 2 Monaten wieder nach Afghanistan kommen (dann wird es noch deutlich wärmer sein!). Sein Einsatz für die ärmsten Menschen in Afghanistan ist wirklich grossartig. Wir konnten viel von diesem einzigartigen Menschen lernen. Ich wünsche ihm für seinen Weg viel Glück. Khalili, go your way!

 

16. Tag (Donnerstag, 17. Mai 2001):     

 

Der erste Flug an diesem Morgen von Frankfurt nach Zürich fällt wegen des Streiks aus. Um 9:10 starten wir dann aber doch noch in Frankfurt.

10:05 landen wir in Zürich.

 

 

Impressionen: Diese Reise war wohl das grösste Abenteuer meines Lebens. Es sind uns viele interessante Menschen begegnet. Das Lebensgefühl und der Überlebenswille dieser Menschen haben mich tief bewegt und geprägt. Ich bin dankbar für diese Erfahrungen, die meinem Leben geschenkt wurden.