Bericht und Impressionen
einer Reise in den Norden von Afghanistan im Mai 2001
Teilnehmer: Dr. Karl Seiler, Wil, Arzt
Farhad Akbarzada, St.Gallen, Orthopädietechniker
Christian Gerig, Naters, Student
Abdul Khalili, Los Angeles, Humanist
Gesprächspartner: Kommandant Ahmed Shah Massoud (Führer der
Nordallianz)
Dr.
Abdullah (Aussenminister Afghanistan)
Chalet
(Finanzminister Afghanistan)
Mohammad
Asim Suhail (Leiter Aussenministerium Chogha Bahawodin)
Haji Abdul
Qahar Abed (Leiter Aussenministerium Panjshir)
Botschafter
Hascham, Usbekistan
Militärattache
Abdul Woodod, Tajikistan
Abdul
Khalili (Leiter AfghanRelief, Los Angeles)
Dr. Saye
Kamel (Gesundheitsminister, Leiter Spital Chogha Bahawodin)
Programm: 1) Transport von 374 kg Hilfsgütern von Arbon
(Kanton St.Gallen) nach
Panjshir
2) Eröffnung von Aria Mailoffice in Dushambe und
Daschtak (Panjshir)
3) Kauf
und Verteilung von 18 Tonnen Lebensmittel für Flüchtlinge
4) Besuch
verschiedener Spitäler und Kliniken in Afghanistan
5) Dokumentation der Situation in Afghanistan
Zusammen mit Dr. Karl Seiler (Arzt) und Farhad Akbarzada (Orthopäde und Übersetzer) trete ich an diesem Mittwoch die Reise nach Afghanistan an.
Mit Lufthansa fliegen wir von Zürich zuerst nach Frankfurt. In Frankfurt haben wir 2 Stunden Aufenthalt, bevor wir dann direkt nach Tashkent (Usbekistan) weiterfliegen.
In Tashkent landen wir kurz vor Mitternacht. Für die Passkontrolle müssen wir sehr lange anstehen. Die Beamte am Schalter überprüft mehrmals ziemlich kritisch meinen Pass und dann mich. Bei meiner äusseren Erscheinung kann ich ihr Misstrauen sogar verstehen. Hinter dem Zoll erwartet uns Herr Marzi von der afghanischen Botschaft. Ohne Probleme passieren wir mit seiner Hilfe die Gepäckskontrolle. Vor dem Flughafen treffen wir Ariane Bauer. Ariane ist meine Pultnachbarin im Orchester der Universität St.Gallen und studiert im gleichen Semester wie ich. Nach ihrem Praktikum in Kasachstan will sie die Zeit noch nutzen und die Städte Buchara und Samarkant an der alten Seidenstrasse besuchen. Es gibt viel zu erzählen. Die Welt ist doch wirklich klein.
Impressionen: Wir haben die erste Etappe geschafft. Meine körperliche Verfassung kann sich eigentlich nur noch verbessern. Mein Tipp des Tages: Lest immer ganz genau die Packungsbeilage eines Medikamentes durch. Zwischen einer Malariaprophylaxe und einer Malariabehandlung liegt ein grosser Unterschied. Bei meinem Körpergewicht spüre ich diesen entsprechend noch stärker.
Nach einer Nacht, die eigentlich gar keine war, erledige ich mit Farhad und einem Angestellten der afghanischen Botschaft einige Zollformalitäten. Anschliessend besuchen wir den Alai-Bazar.
In
Usbekistan leben etwa 10'000 Afghanen. Diese relativ geringe Zahl der
Flüchtlinge erklärt sich durch die hohen Gebühren für ein usbekisches Visum.
Karl
und Ariane besichtigen die Stadt.
Impressionen: Wir wohnen hier in Tashkent alle
zusammen in einer kleinen Wohnung. Es fehlt uns an nichts. Nur die Fenster
sollte man hier nie schliessen. Irgend etwas braucht hier dringend frische Luft
(sollte es denn noch leben).
Tashkent
ist eine Stadt mit einer gut ausgebauten Infrastruktur. In den Strassen gibt es
viele Bäume. Ich bin beeindruckt von den vielen verschiedenen Gesichtszügen
dieser Menschen hier. Mein Tipp des Tages ist nochmals der von gestern.
In
einem längeren Gespräch mit dem afghanischen Botschafter hier in Usbekistan
kann ich die Grundzüge meines Projektes kurz erläutern. Erstmals formuliere ich
die Idee, dass ich in Afghanistan ein Büro für Kommunikation und
Geldtransaktionen eröffnen möchte.
Unser
Visum für Tajikistan ist endlich Realität geworden. Die anfallenden Spesen der
Beamten und Gehilfen verbuche ich als Sonderaufwand.
Zusammen
mit Karl und Ariane besuche ich am Nachmittag das Museum.
Zum
Abendessen begleiten wir unsere Freunde aus der afghanischen Botschaft in ein
afghanisches Lokal mit einem sensationellen Rosengarten.
Impressionen: Mein Gang ist heute wieder etwas
sicherer. Karl schätzt die Halbwertszeit des Malariamedikamentes auf 10 Tage.
Im
Moment versuche ich herauszufinden, wie weit ich meine Pläne in Afghanistan
realisieren soll und kann.
Auf
den Märkten hier in Usbekistan habe ich einige wunderbare neue Farbtöne
gefunden. Sie sind ein erster Höhepunkt dieser Reise.
Die
Wege von Ariane und uns trennen sich heute.
Für
70 Dollar kann unser afghanischer Freund es einrichten, dass auf der
Passagierliste für den Flug von Tashkent nach Termez zwei Namen gestrichen
werden. So können wir zusammen mit Abdul Khalili (ein Afghane aus Los Angeles,
den wir auf dem Flughafen in Tashkent zufällig getroffen haben) die zweite
Etappe unserer Reise antreten. Der Flug dauert etwa eine Stunde.
In
Termez werden wir von einem Fahrer der afghanischen Botschaft abgeholt. Bis zur
Grenze zwischen Usbekistan und Tajikistan sind es rund 200 Kilometer.
Bei
der Passkontrolle fallen wieder etwas Spesen an. Die Grenze selber überqueren
wir zu Fuss. Hinter der Grenze warten zwei Autos und einige Afghanen auf uns.
In mörderischem Tempo fahren wir nach Dushambe. Dass wir noch leben, verdanken
wir wohl zur Hauptsache dem geringen Verkehr auf den Strassen. Auf halber
Strecke wechseln wir noch einmal den Wagen.
Im
Hotel Tajikistan beziehen wir für 50 Dollar die Nacht ein Zimmer.
Zum
Abendessen führt uns ein Freund von Khalili in ein indisches Restaurant mit
hauseigenem Polizisten. Wir erfahren viel über die Lage der Flüchtlinge in
Jangal, einer Halbinsel am Amu Dari. Die Flüchtlinge (rund 8000) werden
praktisch als Pufferzone dieser Kriegsregion missbraucht. Nach dem Essen
besuchen wir noch die Räumlichkeiten, in denen die Nordallianz Sendungen für
das tajikische Fernsehen produziert.
Impressionen: Dushambe macht einen sehr
sympathischen Eindruck. Ich bin auch gesundheitlich wieder bereit für
Afghanistan.
Für
den Kauf der Lebensmittel wollen wir uns mit Khalili zusammenschliessen. Dies
ist seine sechste Reise, entsprechend gross ist seine Erfahrung mit den
Behörden und den wahren Problemen der Bedürftigen.
Der
Markt für Getreide und Reis ist heute Sonntag geschlossen. Wir besuchen dafür
einen anderen sehr vielfältigen Markt.
Unser
erstes Treffen mit dem Militär-Attache von Kommandant Massoud hat zu keinen
konkreten Ergebnissen geführt. Wir haben ganz generell über die politische Lage
diskutiert. Unser Flug nach Panjshir soll für den Dienstag organisiert werden.
Impressionen: Der Attache, Herr Woodod, hat mich als
Person ziemlich beeindruckt. Weshalb dem so ist, kann ich aber nicht erklären.
Herr Woodod organisiert für die Nordallianz den Krieg, den ich so sehr
verurteile.
Die
Nordallianz unterhält hier in Dushambe einige Büros und eine Botschaft. Wir
haben Herr Wahab vom Aussenministerium und den Chefbuchhalter der Nordallianz
kennengelernt. Ich habe die Gelegenheit genutzt, um mir die Buchhaltung der
Nordallianz anzuschauen. In einer Excel-Tabelle werden alle Ein- und Ausgaben säuberlich
aufgelistet und beschrieben. Monatlich wird eine Zwischenbilanz erstellt.
Zu
meiner grossen Freude entdecke ich in einem Raum hier unsere Hilfsgüter. Alle 7
Kisten haben es per Lastwagen, Flugzeug und Pick up von Arbon bis Dushambe
geschafft!
Im
Büro des Buchhalters habe ich die erste Zentrale von AfghanCash eröffnet. Ich
habe einen der Computer zu diesem Zweck ans Internet angeschlossen.
Bei
einem Afghanen habe ich für 850 Dollar einen Generator für Panjshir gekauft.
Damit können wir die Stromversorgung für rund 5 Computer sicherstellen.
Zum
Mittagessen wurden wir von der Botschaft in ein sehr edles Restaurant
eingeladen. Als Nachtisch wurden Rafaellos aufgetischt.
Am
Nachmittag traf ich den Internet-Experten der Nordallianz. Das Gespräch war anfänglich
geprägt von recht viel Aggressivität. Es bestehen von ihrer Seite her sehr
ehrgeizige Pläne, das Internet nach Afghanistan zu bringen.
Impressionen: Ein erster wichtiger Schritt ist
getan, um die Kommunikation zwischen den Afghanen im In- und Ausland
herzustellen. Vor wenigen Tagen war ich noch sehr unsicher, was die nächsten
Schritte betrifft. Ich habe mich für ein konkretes und gewagtes Vorgehen
entschieden. Im Moment habe ich selber viel mehr Fragen als Antworten, was die
Umsetzung der Idee betrifft. Ich behalte das für mich und sehe das Projekt als
Chance.
Am
Vormittag war ich mit Khalili auf dem Markt. Wir haben die Preise pro Tonne für
Mehl, Reis, Zucker und Bohnen verglichen. Erste Kalkulationen haben ergeben,
dass wir für 6000 Dollar rund 400 Familien à 5 Personen mit einem
Lebensmittelpaket von je 50 kg versorgen könnten. Für den Transport der Ware
nach Afghanistan würden wir zwei Trucks zu total 500 Dollar (inkl. Fahrer)
mieten.
Den
ganzen Nachmittag haben wir im Hotel auf unseren Transfer nach Afghanistan
gewartet, der dann schliesslich nicht stattfand.
Wir
ziehen es in Erwägung, aus dieser Verzögerung Konsequenzen zu ziehen. Sollte es
mit unserem Flug nach Afghanistan morgen nicht klappen, werden wir abreisen.
Impressionen: „Ihr habt die Uhr, wir haben die
Zeit.“
Heute
um 9:00 beginnt unser Transfer nach Panjshir. Ein Fahrer bringt uns auf den
Flughafen, wo auch schon der Helikopter steht. Nachdem der Zoll für seine Dienstleistung
bezahlt und unser ganzes Gepäck eingeladen worden ist, kann es mit fast einer
Tonne Übergewicht losgehen. Mit uns fliegt ein usbekische Kommandant. In Chogha
Bahawodin (Afghanistan) ist diese Etappe geschafft.
Nach
dem Mittagessen besuchen wir zuerst das hiesige Spital und dann ein grosses
Flüchtlingslager. Die Zustände sind unbeschreiblich. Mit minimalsten
Möglichkeiten kämpfen die Menschen hier gegen ihr Überleben. Vor einem Jahr
lebten in dieser unwirklichen Gegend kaum Menschen. Heute zählt man an die
150'000 Flüchtlinge. Fliessendes Wasser ist absolute Mangelware. Landwirtschaft
ist hier kaum möglich. Bereits jetzt erreicht das Thermometer 45° C im
Schatten. Patienten werden in einem Spital behandelt und operiert, in dem es
lediglich 25 Betten gibt. Die Grosszahl der Patienten muss unter freiem Himmel
gepflegt werden.
Wir
geben etwa die Hälfte der chirurgischen Instrumente, Wolldecken und Medikamente
an die verantwortlichen Ärzte hier ab. Ich hoffe, dass wir den Grenznutzen
dieser Aktion nicht mehr übertreffen können.
Mohammed
Asim Salim nimmt mich wegen meines Taliban-Visums ins Kreuzverhör. Es gelingt
mir nur teilweise, das Misstrauen meines Gegenüber abzubauen.
Am
Abend erhalten wir Besuch von zwei Kommandanten (dem höchsten Offizier des Geheimdienstes
und dem Leitenden Kommandanten der Truppen, die wenige Kilometer von hier die
Front gegen die Taliban verteidigen).
Alle
zusammen schauen wir noch den Film, der an der Pressekonferenz von Kommandant
Massoud in Paris aufgenommen wurde. Trotz erheblicher Bildstörungen kann man
Farhad und mich in der ersten Reihe mehrmals erkennen.
Impressionen: Es war ein sehr ereignisreicher Tag.
Ich wünschte, ich hätte einige Dinge nie gesehen; angefangen mit dem Helikopter
bis zu den sterbenden Menschen im Flüchtlingslager. Die Wahrheit ist manchmal
schmerzhaft und unsere Hilflosigkeit ernüchternd. Ich bedaure, dass wir für
diese Menschen nicht mehr tun können. Wenn es auf dieser Welt eine
Gerechtigkeit gibt, dann haben sie diese Menschen mehr als ich verdient.
Was ist das für ein Krieg, bei dem die Heeresführer um 17:00 das Schlachtfeld verlassen, um in der guten Stube ihren Tee einzunehmen?
Wenn
ich es nicht besser wüsste, würde ich behaupten, dass dieser Tag mindestens 48
Stunden hatte. Wir warten voller Sehnsucht auf unseren Weiterflug nach
Panjshir. Wegen der enormen Hitze können wir aber erst am späten Nachmittag
starten. Die Motoren des Helikopters würden sonst wegen dem vielen Gepäck
heisslaufen.
Nach
langem Hin und Her erreiche ich, dass wir den „staatlichen Preisüberwacher“
treffen können. Ich will über ihn einige Tonnen Lebensmittel kaufen. Seinen
Vorschlag, aus den Beständen der Nordallianz zu kaufen lehne ich ab. Zuerst
will ich versuchen, den Kuchen zu vergrössern (d.h. Nahrungsmittel nach
Afghanistan zu importieren). Wenn wir selber auf den lokalen Märkten als Käufer
auftreten, würden die Preise sofort enorm ansteigen, was dann ein grosses
Problem für die Einheimischen wäre. Wir einigen uns darauf, dass wir bis morgen
abwarten um zu erfahren, ob die Regierung für uns einen Import bewilligen wird.
Wir
treffen am Nachmittag zwei Journalisten aus Deutschland. Die Unterhaltung ist
wegen der vielen Zuhörer sehr schwierig und nicht ungefährlich.
Gegen
17:00 verlassen wir Chogha Bahawodin. Alle unsere Kisten sind an Bord. Der Flug
ist ein Abenteuer. Unter uns zieht eine wunderschöne und enorm vielfältige
Landschaft vorbei. Wir steigen bis zu einer Höhe von 4500 müM. Um uns schliesst
sich ein Stück Metall, das man Hubschrauber nennen könnte. Die Piloten dieser
Maschinen sind wahre Helden.
Gegen
19:00 landen wir in Panjshir. Wir haben zusammen mit den Hilfsgütern die
Enddestination erreicht.
Nach
unserer Landung treffen wir Dr. Abdullah. Wir erhalten die Möglichkeit unser
Programm zu präzisieren. Dr. Abdullah beauftragt seine Leute, alle nötigen
Schritte für uns zu organisieren. Ich erhalte die Zusage, dass man mein Projekt
auch von der Regierung aus direkt unterstützen wird. Dr. Abdullah erklärt uns
dann noch, dass es aus zolltechnischen Gründen nicht möglich sein wird, aus
Tajikistan Lebensmittel nach Afghanistan einzuführen.
Wir
werden im Gästehaus von Kommandant Massoud einquartiert.
Impressionen: Und über jeden Mückenstich verspüre
ich Schadenfreude gegenüber der Mücke (sie hat wohl eher mit Blut als mit einer
Überdosis an Malariamedi-kamenten gerechnet).
Den Flug nach Panjshir werde ich nie vergessen. Die Landschaft mit Ihren Formen und Farben hat mich tief beeindruckt. Für diese Bilder alleine hätte sich die Reise gelohnt.
Früh
morgens fahren wir los. Unsere erste Station ist ein Spital (40 Betten) in
Rocha. Auch dieses Spital verfügt weder über einen Röntgenapparat noch über ein
Labor. Wir übergeben dem Spital chirurgische Instrumente und Medikamente.
Die
nächste Station war für Farhad und mich das Aussenministerium in Daschtak. Mit
den Verantwortlichen diskutiere ich meine Idee von einem Mailoffice. Wir
entscheiden, das Büro hier zu eröffnen. Unsere Filiale soll „Aria Mailoffice –
International Office of Communication“ heissen. Zusammen mit Haji Abdul Qahar
Abed entwickeln wir den Text für die Flugblätter und das Firmenschild.
Am
Nachmittag fahren wir auf unwirklichen Strassen das ganze Panjsihr-Tal hinunter
bis zum Salangpass.
Am
Abend treffe ich Aziz Ahmad Noorzad. Aziz wird die Leitung von Aria Mailoffice
in Panjshir übernehmen. Zusammen üben wir an diesem Abend den genauen Ablauf
von der Erfassung einer Mail bis zur Übergabe der Daten an unseren
Verbindungsmann beim Helikopterlandeplatz.
Impressionen: Die Menschen hier leben sehr einfach.
Aber im Gegensatz zu Kabul etwa sind hier klare Anzeichen eines Wiederaufbaues
sichtbar. Es wird reger Handel betrieben und viele neue Häuser entstehen. Und
das obwohl die Frontline nur wenige
Kilometer entfernt liegt.
Für
Aria Mailoffice habe ich ein detailliertes Budget aufgestellt und in eine
Excel-Tabelle übertragen. Ich habe den Verantwortlichen den Sinn und die
Handhabung eines solchen Planungstool erklärt. Alle 14 Tage sollte ich nun per
e-mail einen Zwischenbericht von Aziz erhalten. Für die nächsten 6 Monate
übergebe ich das Geld für die zu erwartenden Aufwände an Haji, der als
Treuhänder tätig sein wird.
Zum
Mittagessen sind wir bei einem Kommandanten zu einem Fisch aus dem
Panjshir-Fluss eingeladen – ein einmaliges Erlebnis.
Am
Nachmittag treffen wir die offiziellen Händler der Regierung. Wir haben uns
damit abgefunden, dass wir über die Kanäle dieser Leute einkaufen müssen. Damit
realisieren wir nur die zweitbeste Lösung. Für 6400 Dollar erhalten wir 10
Tonnen Reis, 7 Tonnen Weizen und 1 Tonne Oel. Der Transport ist bei diesem
Preis schon inbegriffen. Morgen gegen 10:00 soll die Ware am Bestimmungsort
bereitstehen. Wir lassen alles in Säcke zu 50 kg abpacken. Der Anteil unserer Delegation beträgt 3000
Dollar. Khalili übernimmt den Rest.
Wir
unterbrechen die Rückfahrt zum Gästehaus, um den neusten Film über den
Widerstand zu sehen. Das „Studio“ befindet sich im ersten Stock und ist nur
über eine sehr abenteuerliche Treppe zu erreichen. Aber sowohl den
zweistündigen Film als auch diese Treppe überleben wir ohne grösseren Schaden.
Impressionen: Den Personenkult um Massoud halte ich
für recht problematisch. In praktisch jedem Zimmer hängt hier ein Bild von
Massoud. Der Mann ist das Symbol für die Unabhängigkeit von Panjshir. Ob er
nicht einsam ist?
Um
9:00 trafen wir einige Beamte der Regierung, die uns bei der Zuteilung unserer
Lebensmittel „beraten“ sollen. Die Verhandlungen sind geprägt von gegenseitigem
Misstrauen. Dennoch können wir mit dem Resultat zufrieden sein. Wir geben je 9
Tonnen in zwei Flüchtlingslagern an die Familien (zusammen etwa 1500) ab.
Unser
Abflug aus Panjshir wird von heute auf morgen verschoben.
Im
Namen unserer Delegation schreibe ich einen Brief an Kommandant Massoud, in dem
ich ihn über unsere Arbeit informiere. Haji wird den Brief zusammen mit unseren
Geschenken (Kugelschreiber und Französischlernbuch) übergeben.
Impressionen: Die Anfahrt mit den 3 Trucks und
Verteilung an die Flüchtlinge war ein sehr besonderes Erlebnis. Heute konnten
wir den Hunger dieser Menschen stillen. Was aber ist, wenn in ein paar Wochen
niemand kommt, um unsere Aktion zu wiederholen? Ich habe an die Kinder Farbstifte
und Papier verteilt. Als meine Bestände aufgebraucht waren, kam es unter den
Kindern zu ernsthaften Kämpfen.
Eine wichtige Erkenntnis des Tages ist auch, dass diese
Flüchtlinge besondere Flüchtlinge sind. Sie sind Vertriebene im eigenen Land.
Die Solidarität der Einheimischen hat aber ihre Grenzen. Beispielsweise
erhalten die Flüchtlinge in den Spitälern im Panjshir keine Behandlung.
Zu
unserer Überraschung werden wir nach dem Frühstück aufgefordert, unsere Sachen zu
packen. Ein paar Minuten später sind wir unterwegs zur Residenz von Kommandant
Massoud. In der Nähe des Flusses warten wir im Schatten einiger Bäume darauf,
dass wir von Massoud empfangen werden. Nach einer Stunde fahren wir nochmals zu
einem anderen Haus. Und plötzlich steht er vor uns. Massoud trägt eine dunkle
Sonnenbrille, seinen Hut hat er abgenommen . Beim Gespräch sitzen wir in einer
kleinen gemütlichen Runde. Massoud wirkt sehr präsent und interessiert. Ich
erzähle ihm, dass ich davon überzeugt bin, dass das grosse verteilte Netzwerk
der Exilafghanen eine Stärke der afghanischen Wirtschaft sein kann. Dieses
Netzwerk möchte ich aktivieren und persönliche Beziehungen aufbauen, die in
einer zweiten Phase für Geldtransaktionen genutzt werden könnten. Massoud
beauftragt seine Leute, seinen Helikopter für uns startklar zu machen. Wir
sollen sofort nach Chogha Bahawodin geflogen werden, dort soll der Helikopter
warten, während ich mich zu einem Gespräch mit dem Finanzminister treffen
werde. Zum Abschluss unserer Unterhaltung erzählt Farhad, dass ich heute meinen
Geburtstag feiern darf. Massoud gratuliert mir sehr herzlich zu diesem Fest. Er
hätte mich zu diesem Anlass gerne eingeladen, weil wir aber abreisen müssen,
will er mir dafür einen Teppich schenken. Weil unser Helikopter unbedingt
starten musste, habe ich den Teppich nicht mehr erhalten. Jeder von unserer
Delegation hat aber einen grossen Lapislazuli überreicht bekommen.
In
Chogha Bahawodin treffe ich Herr Chalet (Finanzminister). Er wird das Projekt
unterstützen. Wir sind uns einig, dass die Aufgabe aber sehr komplex ist, und
wir deshalb schrittweise vorgehen müssen.
Eine
Stunde später verlassen wir Afghanistan. Auf dem Rückflug nach Dushambe
wechseln wir noch einmal den Helikopter. Ich versuche aktiv den undichten Tank
und die vielen Klebstreifen an den Schläuchen und Rohren zu ignorieren.
Wir
beziehen in Dushambe wieder ein Zimmer im Hotel Tajikistan. Zum Abendessen
erhalten wir Besuch von Herrn Woodod. Er wird unsere Rückreise organisieren.
Impressionen: Es ist interessant, was die richtigen
Kontakte so alles bewegen können. Wir brauchten für die Rückreise nach Dushambe
gerade mal 5 Stunden. Ich habe Ausländer getroffen, die bis zu 7 Tagen auf
einen Helikopter warten mussten.
Das Treffen mit Ahmed Shah Massoud war für mich ein weiterer
Höhepunkt dieser Reise. Ich konnte mich persönlich vom Charisma dieses Mannes
überzeugen. Es scheint, als hätte auch Massoud sich über das Treffen gefreut.
Ich
nutze unseren letzte Tag in Tajikistan,
um die Arbeiten in unserem Office in Dushambe zu beenden. Auch für diese
Filiale erstelle ich den Mitarbeitern ein detailliertes Budget. Dem Buchhalter
übergebe ich das Geld für die Kosten der nächsten 6 Monate und erkläre nochmals
den genauen Ablauf einer Versendung. Die Installation des e-mail-Accounts
erweist sich als letzte grössere technische Herausforderung. Nach meiner
Rückkehr in die Schweiz werde ich diese Lösung noch optimieren müssen.
Wir
sind glücklich, dass wir bis 12:00 alle Aufgaben erledigen konnten. Den
Nachmittag verbringen wir auf dem Markt.
Im
Hotel treffen wir dann noch einen Deutschen aus Konstanz, der für die
Asiatische Entwicklungsbank hier in Tajikistan ein Kraftwerkprojekt begleitet.
Am
Abend besucht uns noch Herr Woodod. Unsere Rückreise ist organisiert
Impressionen: Wir haben in relativ kurzer Zeit die
Ziele erreicht, die wir uns für diese Reise vorgenommen hatten. Es gab viele
mühsame Momente und sicher auch viele Missverständnisse. Die Reise als Ganzes
war aber ein enorm befriedigendes Erlebnis.
Um
7:30 werden wir von einem Angestellten des Ausseninisteriums im Diplomatenwagen
beim Hotel abgeholt. Die erste Etappe unserer Rückreise endet an der Grenze.
Der Fahrer, der uns auf der usbekischen Seite übernehmen sollte, taucht nicht
auf. Zu Fuss überqueren wir die Grenze. Wir müssen sicher 10 Schalter passieren
und ebenso viele Formulare ausfüllen. Es scheint entscheidend zu sein, dass man
seinen Witz dabei nicht verliert. Khalili verkauft uns bei den Zöllnern als
eine Gruppe von Ärzten. In Usbekistan nehmen wir uns ein Taxi bis nach Termez.
In Termez treffen wir dann den Fahrer, der uns eigentlich an der Grenze hätte
abholen sollen. Für den Flug nach Tashkent wiederholt sich die Geschichte. Das
Streichen anderer Passagiere ist heute aber deutlich billiger.
Das
Warten auf den Abflug verlangt uns einiges ab. Es ist hier extrem heiss!
Der
Flug von Termez nach Tashkent dauert gerade mal 50 Minuten. In Tashkent erwartet uns Herr Marzi. Für die paar
Stunden bis zu unserem Abflug nach Frankfurt mieten wir ein Zimmer im Hotel.
Kurz nach Mitternacht kommt die Stunde des Abschieds von Khalili.
Wegen
des angekündigten Streiks der Laufthansa-Piloten haben wir bis zuletzt um
unseren Flug gebangt. Um 2:20 war die Unsicherheit vorbei und wir in der Luft.
Impressionen: Was ist wohl der Rekord im Schwitzen
pro Sekunde?
Khalili wird in 2 Monaten wieder nach Afghanistan kommen
(dann wird es noch deutlich wärmer sein!). Sein Einsatz für die ärmsten
Menschen in Afghanistan ist wirklich grossartig. Wir konnten viel von diesem
einzigartigen Menschen lernen. Ich wünsche ihm für seinen Weg viel Glück. Khalili, go
your way!
Der
erste Flug an diesem Morgen von Frankfurt nach Zürich fällt wegen des Streiks
aus. Um 9:10 starten wir dann aber doch noch in Frankfurt.
10:05
landen wir in Zürich.
Impressionen: Diese Reise war wohl das grösste Abenteuer meines Lebens. Es sind uns viele interessante Menschen begegnet. Das Lebensgefühl und der Überlebenswille dieser Menschen haben mich tief bewegt und geprägt. Ich bin dankbar für diese Erfahrungen, die meinem Leben geschenkt wurden.